
Mimikry
Es gibt noch eine andere und merkwürdige Klasse von Fällen, in denen große äußere Ähnlichkeit nicht von einer Anpassung an ähnliche Lebensweisen abhängt, sondern des Schutzes wegen erlangt worden ist. Ich meine die wunderbare Art und Weise, in welcher gewisse Schmetterlinge andere und völlig verschiedene Arten nachahmen, wie es zuerst von BATES beschrieben worden ist. Dieser ausgezeichnete Beobachter hat gezeigt, dass in einigen Distrikten von Süd-Amerika, wo z.B. eine Ithomia in prächtigen Schwärmen vorkommt, ein anderer Schmetterling, eine Leptalis, oft dem Schwarm zugemischt gefunden wird, welcher in jedem Tone und Streifen der Farbe und selbst in der Form der Flügel der Ithomia so ähnlich ist, dass BATES trotz seiner durch elfjährige Sammlertätigkeit geschärften Augen und trotzdem er immer auf seiner Hut war, beständig getäuscht wurde. Werden die Spottformen und die nachgeahmten gefangen und verglichen, so sieht man, dass sie in ihrer wesentlichen Struktur völlig verschieden sind und nicht bloß zu besonderen Gattungen, sondern oft sogar zu verschiedenen Familien gehören. Wäre dies Nachahmen nur in einem oder in zwei Fällen vorgekommen, so hätte man sie als merkwürdige Koinzidenz übergehen können. Wenn man sich aber von einem Bezirke entfernt, wo eine Leptalis eine Ithomia nachahmt, so wird man eine andere Spottform und eine andere nachgeahmte aus denselben beiden Gattungen, beide wieder einander gleich sehr ähnlich, finden. Im Ganzen werden nicht weniger als zehn Gattungen aufgezählt mit Arten, welche andere Schmetterlinge nachahmen. Die nachgeahmte und nachahmende Form bewohnen immer dieselbe Gegend; wir finden niemals einen Nachahmer, der entfernt von der Form lebte, die er nachbildet. Die Spötter sind fast ausnahmslos seltene Insekten; die nachgeahmten kommen fast in jedem Falle in großen Schwärmen vor. In demselben Distrikt, in dem eine Leptalis eine Ithomia nachahmt, kommen zuweilen noch andere Lepidopteren vor, die dieselbe Ithomia imitieren; so dass man an derselben Stelle Arten von drei Tag- und selbst eine von einer Nacht-Schmetterlingsgattung finden kann, die alle einer Art einer vierten Gattung außerordentlich ähnlich sind. Es verdient besonders bemerkt zu werden, dass viele sowohl der imitierenden Formen der Leptalis als der nachgeahmten Formen durch eine abgestufte Reihe als bloße Varietäten einer und derselben Spezies nachgewiesen werden können, während andere unzweifelhaft distinkte Arten sind. Warum werden nun aber, kann man fragen, gewisse Formen als nachgeahmte, andere als die Nachahmer angesehen? BATES beantwortet diese Frage zufriedenstellend damit, dass er zeigt, wie die Form, welche imitiert wird, den gewöhnlichen Habitus der Gruppe, zu der sie gehört, bewahrt, während die Nachahmer ihren Habitus verändert haben und nicht mehr ihren nächsten Verwandten ähnlich sind.
Wir kommen nun zunächst zu der Frage, welcher Ursache man es möglicherweise zuschreiben kann, dass gewisse Tag- und Nacht-Schmetterlinge so oft die Tracht anderer und ganz distinkter Formen annehmen; warum hat sich zur Verwirrung der Naturforscher die Natur zu Bühnenmanövern herabgelassen! BATES hat ohne Zweifel die rechte Erklärung getroffen. Die nachgeahmten Formen, welche immer äußerst zahlreich vorkommen, müssen gewöhnlich der Zerstörung in hohem Maße entgehen, sonst könnten sie nicht in solchen Schwärmen auftreten; man hat jetzt auch zahlreiche Beweise gesammelt, dass sie Vögeln und anderen insektenfressenden Tieren zuwider sind. Die imitierenden Formen, welche denselben Bezirk bewohnen, sind dagegen vergleichsweise selten und gehören zu seltenen Gruppen. Sie müssen daher gewöhnlich irgend einer Gefahr ausgesetzt sein, denn sonst würden sie, nach der Zahl der von allen Schmetterlingen gelegten Eier, in drei oder vier Generationen die ganze Gegend in Schwärmen überziehen. Wenn nun ein Glied einer dieser verfolgten und seltenen Gruppen eine Tracht annähme, die der einer gut geschützten Art so gliche, dass sie das Auge eines erfahrenen Entomologen beständig täuschte, so würde sie auch oft Raubvögel und Insekten täuschen, die Form daher der gänzlichen Vernichtung entgehen. Man kann beinahe sagen, dass BATES faktisch den Prozess belauscht habe, durch welchen die Spottform der nachgeahmten so äußerst ähnlich wird; denn er weist nach, dass einige der Formen von Leptalis, welche so viele andere Schmetterlinge nachahmen, sehr variieren. In einer Gegend kommen mehrere Varietäten vor und von diesen gleicht in gewisser Ausdehnung nur eine der gemeinen Ithomia derselben Gegend. In einer andern Gegend finden sich zwei oder drei Varietäten, von denen eine viel häufiger als die andere ist, und diese ahmt die Ithomia außerordentlich nach. Aus Tatsachen dieser Art schließt BATES, dass die Leptalis zuerst variierte, und dass eine Varietät, welche zufällig in gewissem Grade irgend einem gemeinen, denselben Distrikt bewohnenden Schmetterling glich, durch diese Ähnlichkeit mit einer gut gedeihenden und wenig verfolgten Art eine größere Wahrscheinlichkeit erlangte, der Zerstörung durch Vögel und Insekten zu entgehen, und folglich öfter erhalten wurde; — »die weniger vollständigen Ähnlichkeitsgrade werden Generation nach Generation eliminiert und nur die anderen zur Erhaltung ihrer Art bewahrt.« Wir haben daher hier ein ausgezeichnetes Beispiel des Prinzips der natürlichen Zuchtwahl.
WALLACE und TRIMEN haben gleichfalls mehrere auffallende Fälle von Nachahmung, Mimikry, bei den Lepidopteren des Malayischen Archipels beschrieben; ebenso bei einigen anderen Insekten. WALLACE hat auch ein Beispiel von Nachahmung bei den Vögeln entdeckt; bei den größeren Säugetieren haben wir indessen nichts Derartiges. Die viel bedeutendere Häufigkeit von Nachahmung bei Insekten als bei anderen Tieren ist wahrscheinlich die Folge ihrer geringen Größe; Insekten können sich nicht selbst verteidigen mit Ausnahme der Arten, welche mit einem Stachel versehen sind; und ich habe nie von einem Fall gehört, dass ein solches andere Insekten nachahme, obschon sie selbst imitiert werden; Insekten können größeren Tieren nicht durch Flug entgehen; sie sind daher wie die meisten schwachen Geschöpfe auf Kunstgriffe und Verstellung angewiesen.
Man muss beachten, dass der Prozess der Nachahmung wahrscheinlich niemals bei Formen begann, welche einander in der Farbe sehr unähnlich sind. Geht er aber von Spezies aus, welche einander bereits etwas ähnlich waren, so kann die größte Ähnlichkeit, wenn sie von Vorteil ist, leicht durch die oben erwähnten Mittel erlangt werden; und wenn die nachgeahmte Form in Folge irgend einer Ursache später allmählich modifiziert würde, so würde die nachahmende Form denselben Weg geführt und dadurch beinahe in jedem möglichen Grade umgeändert werden, so dass sie schließlich ein Aussehen oder eine Färbung erhielte, welche von der der anderen Glieder der Familie, zu der sie gehört, gänzlich verschieden ist. Einige Schwierigkeit liegt indes hier noch vor; denn man muss notwendigerweise in manchen Fällen annehmen, dass die alten, zu mehreren verschiedenen Gruppen gehörigen Formen noch, ehe sie in der jetzigen Ausdehnung von einander abwichen, zufällig einem Gliede einer andern und geschützten Gruppe in einem hinreichenden Grade glichen, um einen unbedeutenden Schutz daraus zu erhalten. Und dies gab dann den Ausgangspunkt für das spätere Erlangen der allervollkommensten Ähnlichkeit.