Systeme
Platon, Spinoza, Kant hören darum nicht auf, überlebensgroße Persönlichkeiten zu sein, weil ihre Systeme nicht lebendig geblieben sind. Noch niemals hat ein System wirkend eingegriffen und einen Wert behauptet in der Geschichte der Menschheit; man kann aber auch mit Bestimmtheit vorhersagen, daß ein System niemals einen Wert haben wird. Wenn trotzdem bedeutende Köpfe nicht aufhören, ihre Einfalle systematisch zu ordnen, anstatt sie als Weihnachtsschmuck um den Baum des Lebens zu hängen, so kann das nur an dem spielerischen Zug des Menschengehirns liegen. Der Künstler ordnet am Abend, was der Denker tagsüber gesammelt hat. Das Ordnen, ob man wie Goethe einmal die Brotkügelchen ordnet, die Grillparzer neben ihm bei Tische gedreht hat, ob ein sterbender Maler mit dem Blute aus seiner Todes wunde noch Arabesken auf den Fußboden zieht, — das Ordnen ist das kindliche Vergnügen des sammelnden Reichtums, es ist ein Bedürfnis zweiten Ranges, es hat nichts zu tun mit dem Wahrheitsdrang. Es ist mehr Sache von Bibliothekaren als von Bibliographen. Besser: mehr Sache von Steinmetzen und von Architekten, als von den Cyklopen, die Berge aufeinander türmen und Steine aus den Bergen brechen.
Aber auch unmöglich, für alle Zeiten unmöglich, ist ein bleibendes System, denn es wäre die Wahrheit. Die Erkenntnis der Menschheit wächst aber so wie eine Korallenbank, wo doch an allen Enden gleichzeitig die einzelnen winzigen Wesen nicht höher als um ihre eigene Leibeslänge über ihren Boden hervorragen können, also den Boden der Bank erhöhen können, der ihre Vergangenheit ist. Der einzelne Mensch ist schon von ungewöhnlicher Geisteskraft, wenn er irgend eine neue Vorstellung faßt, und infolgedessen irgend ein altes Wort der Sprache neu vernimmt oder ein neues bildet. Wohl wird er dann in seinem geistigen Spieltrieb geneigt sein, seine ganze Weltanschauung an dieses sein neues Wort zu knüpfen, und wohl werden die Nachbarworte seiner neuen Vorstellung zu ihr ein Verhältnis suchen müssen; aber so wenig ist die lebendige Welt an den Verstand gekettet, so wenig ist die Sprache ein Korrelat des Lebens, daß — während die Wirklichkeit gerade ihren deutschen Namen davon hat, daß in unendlicher Verstrickung eines auf alles und alles auf eines wirkt — die Sprache an irgend einer Stelle allein weiter gehen kann. Wäre die Sprache wirklich, entspräche die Logik der Welt, wären die Worte lebendige Symbole der Dinge, dann könnte einmal ein System werden. So aber gleicht das Wesen, das von seiner persönlichen Apperzeption aus die Welt nun begreifen will, etwa einem Korallentierchen, das sich auf ein Raketchen setzte, um emporgeschossen das Inselchen gleich um einige Fuß zu erhöhen. Alle Systeme sind solche blitzende Raketen, die nach einer Weile erlöschen und ihre Bestandteile zur Erde zurückfallen lassen.
Was der einzelne zum Fortschritt der menschlichen Erkenntnis neu apperzipiert hat, ist eben darum immer nur ein Apercu. Die älteste griechische Philosophie ist darum so reizvoll, weil wir nur Apercus von ihr übrig haben: die persönlichen Ausgangspunkte. Von Platon bis Kant haben wir aber die Systeme vollständig konserviert. Und die Geschichtsschreiber der Philosophie gießen noch Wasser ins Meer, indem sie sich bemühen, ein System in die Systeme zu bringen. Ein Diogenes Laertius tut uns not, der naiv die Apercus sammelte. Die neuesten Philosophen kommen dieser Sehnsucht dadurch entgegen, daß sie mitunter das Wesentliche, das Neue, das sie zu sagen haben, mit den wenigen Silben ihres Buchtitels ausdrücken. Das geniale Apercu Schopenhauers war: "Die Welt ist Wille und Vorstellung". Im Buch stehen außerdem noch viele Worte. Eduard von Hartmann fügte dem hinzu: "Aber die Philosophie muß das Unbewußte beachten". Und als Friedrich Nietzsche mit Schopenhauer in inbrünstiger Umarmung kritisch fertig geworden war, da konnte er nichts stammeln als das neue Apercu: "Jenseits von Gut und Böse". Der Gedanke steht auf dem Titelblatt; der Inhalt des Buches sind künstlerische Zierate und Schnörkel.
Wenn daraus der Pöbel der Gebildeten eine Entschuldigung dafür schöpfen sollte, daß er die Bücher nur nach ihren Titeln kennt, so denkt er pöbelhaft. Denn ein Apercu versteht völlig nur, wer es selbst apperzipiert hat. Mitteilen läßt es sich nur auf dem langen Umwege dicker Bücher. Der Entdecker des neuen Gedankens täuscht sich über die lange Weile des Umwegs eben durch das Spiel mit einem System, wie ein Kind die endlose Eisenbahnfahrt dadurch abzukürzen sucht, daß es sich die Stationen notiert.
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