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Gegensätzliche Adjektive

Mit dieser wichtigen Tatsache hängt vielleicht eine Beobachtung zusammen, welche schon vom alten Adelung gemacht und dann von Karl Ferdinand Becker verfolgt worden ist; dass nämlich die Adjektive sehr häufig als Gegensatzpaare auftreten wie groß und klein, alt und jung, gut und böse, arm und reich, warm und kalt, schwer und leicht usw. usw., dass in den meisten anderen Fällen der Gegensatz durch eine Negationspartikel gebildet werden kann wie in bequem und unbequem. Wir brauchen aber gar nicht mit Becker anzunehmen, dass diese Gegensätzlichkeit irgendwie im Wesen des Adjektivs liege; es würde diese Vorstellung leicht dazu führen, an den von Abel aufgestellten Grundsatz vom Gegensinn der Urworte zu glauben1. Das mag für das Altägyptische richtig sein, für das Altägyptische der Ägyptologen nämlich, welche schließlich dieses höchste Prinzip der Unverständlichkeit erfinden mußten, um die Texte verstehen zu lehren. Noch viel schlimmer steht es um die Deutung der Keilschrift. Wir können das Aufkommen der gegensätzlichen Adjektive für die Zeit der Sprachentwickelung aufsparen, in welcher die Verwendung der Adjektive als artbildender Attribute allgemein wurde. Es gibt eine sprachliche Entstehung der Arten. Nichts war verlockender als den Umfang jedes Begriffs dadurch sauber in zwei Teile zu teilen, dass man zwei widersprechende Attribute nacheinander mit der Oberklasse verband und diese widersprechenden Attribute wohl oder übel bildete. Ganz vorsichtig möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass viele Adjektive aus Stoffnamen so entstanden sind, als ob der Genitiv des Stoffes adjektivischen Sinn erhalten hätte. Für mein Sprachgefühl liegt in der Stoffbezeichnung immer eine Artbezeichnung, wie im adjektivischen Attribut.

Becker macht die hübsche Bemerkung (Organism der Sprache S. 109), dass die Adjektive zu Komparativen und Superlativen erhoben werden können, weil die Komparationsformen nur Verhältnisse des gesteigerten Gegensatzes bezeichnen; Substantive und Verben ließen sich danach nur darum nicht steigern, weil nichts Gegensätzliches in ihnen liegt. Auffallend ist es jedenfalls, dass künstlich gebildete Adjektive wie die Partizipien erst dann einen Komparativ und Superlativ zulassen, wenn sie durch den Sprachgebrauch zu richtigen Adjektiven geworden sind, wo sie dann allerdings leicht etwas Exklusives und dadurch Gegensätzliches erhalten. Doch haben wir dafür im Deutschen keine ganz feste Übung. Lessing und Goethe haben Partizipien gesteigert, wo niemand eine Nachahmung empfehlen möchte.


  1. Ich finde eine Anregung zu diesem "System" bei S. Maimon in seiner "Lebensgeschichte" II. 19 u. 20 Anmerk. (S. 377 der von J. Fromer besorgten neuen Ausgabe); Maimon macht auf hebräische Worte aufmerksam, die z. B. solche Gegensätze wie zernichten und hervorbringen bedeuten, und nennt solche Worte "gemeinschaftliche Ausdrücke".