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Das Neue wird Prädikat

In irgend einer weit zurückliegenden Sprechweise muß dieses Geheimnis der Syntax, dass sie nämlich immer wieder nur ein Prädikat an ein Subjekt fügen kann, viel offenbarer gewesen sein. Um das deutlich zu machen, muß ich aber vorher irgend ein alltägliches Beispiel dafür geben, wie ich mir die Erweiterung der Begriffe Subjekt und Prädikat denke. Ich nehme den Satz: "Ich fahre morgen nach deinem Wunsche in einer Familienangelegenheit nach Wien." Bei den beiden ersten Worten fällt mein erweiterter Sprachgebrauch mit dem gewohnten zusammen. "Ich" ist das Überflüssige, der feste Ausgangspunkt. Die Neuigkeit, die mir aussagenswert scheint, das Prädikat ist "fahren". Nun wird sofort mein Fahren zum Ausgangspunkt, zu dem, was ich schon weiß, was ich dem andern schon mitgeteilt habe und was dadurch zum Selbstverständlichen, zum Subjekt geworden ist. Etwas neues Aussagenswertes, eine neue Bestimmung tritt hinzu: "morgen". Man versenke sich ein wenig in meine Anschauungsweise, und das Sprachgefühl macht bald keinen Unterschied mehr zwischen dem Verbum "fahren" und dem Adverbium "morgen". Die Sprache hätte sich ja auch so entwickeln können, dass ich geläufig sagen könnte, was ich jetzt der Muttersprache nur mit ein wenig Tortur abzwingen kann: "mein morgendes Fahren" oder "mein Fahren ist morgend". Nun wird "mein morgendes Fahren" zum Wohlbekannten für Sprecher und Hörer, zum Subjekt. In einer mathematischen Formel durfte ich jedesmal alles bisher Gesagte durch eine Klammer verbinden, etwa: {[(a 4- b) + c] + d} + e. Es tritt nun das neue Aussagenswerte "nach deinem Wunsche" hinzu. "Mein morgendes Fahren ist dir wünschenswert." Ich brauche wohl nicht daran zu erinnern, dass ich es mir hier bequem gemacht habe, dass die neuen Bestimmungen "nach" und "dir" eine ebensolche Analyse erfordert hätten, dass endlich die Wortfolge des Sprachgebrauchs nicht immer der natürlichen Folge der Assoziationen entspricht, wie z. B. das "dir" in anderen Sprachen dem Wunsche zu folgen hätte. Nun habe ich das erweiterte Subjekt "mein morgendes. dir wünschenswertes Fahren", und es tritt das neue Prädikat "in einer Familienangelegenheit" hinzu; und endlich fügt sich an das erweiterte Subjekt "mein morgendes, dir wünschenswertes, familienhaftes Fahren" die letzte Bestimmung, das Prädikat der Richtung.

So oder ähnlich drücken noch heute flexionsarme Sprachen die Gedanken aus. Wie auf dem Marsche jeder Fuß Boden, den ich zurücklege, zum Rückwärts wird, das sich, bei jedem Schritt vergrößert, an meinem Standpunkt vom Vorwärts unterscheidet, so wird im Satzgefüge alles Gesagte, alles Rückwärtsliegende zum Subjekt, das Nächste, das Vorausliegende, das Auszusagende ist in jedem Augenblicke das Prädikat. Und wieder komme ich auf mein sprachwidriges Beispiel zurück. In jener alten Sprechweise mußte es gleichgültig sein — wie es auch naturwissenschaftlich gleichgültig ist —, ob man sagte "ich schmecke die Frucht" oder "die Frucht schmeckt mich (mir)". Die Unterscheidung zwischen transitiven und intransitiven Verben, zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Aktivum und Passivum, zwischen Akkusativ und Adverbialbestimmungen, endlich aber und zuerst die Unterscheidung zwischen Nomen und Verbum konnte noch nicht erfunden worden sein zu einer Zeit, da die menschliche Sprache noch in ihren Formen mit der wirklichen Gehirntätigkeit zusammenfiel, da die Sprache sich noch darauf beschränkte, Apperzeptionen auszudrücken, Glied für Glied dem Weltbilde des Ich neue Eindrücke hinzuzufügen, jedes neue Wort als ein neues Prädikat zu empfinden.

Es scheint, als ob in den Sprachen, die durch Verlust der Bildungsformen so fiexionsarm geworden sind wie z. B. die englische, sich langsam der Kreislauf vollzieht zu dieser ursprünglichen Syntax, die jede neue Bestimmung als ein neues Prädikat auffaßt. Sätze wie: here are some will thank von (Shakespeare) sind im Englischen alltäglich.

Es scheint mir selbstverständlich, dass diese Anschauung, wenn sie richtig ist für die Glieder eines einfachen Satzes, ebenso angewandt werden darf auf die kompliziertesten Satzgefüge. Auch die Unterscheidung der nebengeordneten und der untergeordneten Sätze ist dafür unwesentlich. Es ist ja auch den alten Grammatikern nicht fremd, ganze Sätze als Subjekte oder als Prädikate anzusehen. So wird für mich auch im reichsten Periodenbau, solange sich nur das Sprachgefühl nicht gegen seine Kompliziertheit auflehnt, immer alles bereits Gesagte zum Subjekt, der auszusagende Begriff, der neue Satz wird zum Prädikat. Nebenordnung und Unterordnung gibt es ja doch nur einzig und allein in den Sprachgewohnheiten oder in unserer Aufmerksamkeit auf einen Zug, niemals in der Wirklichkeit, die wir bezeichnen wollen. Und selbst in den Sprachgewohnheiten ist die Unterordnung ein durchaus relativer Begriff, wie wir das angeblich so grundlegende Verhältnis zwischen Subjekt und Prädikat eben als etwas Relatives kennen gelernt haben. Es gibt Sprachen, die eine grammatische Unterordnung der sogenannten Nebensätze nicht kennen. Es ist nicht unmöglich, dass auch unsere Sprachen, die jetzt so stolz sind auf ihr neben- und untergeordnetes Satzgefüge, einmal wieder zur Ausgleichung dieses Unterschiedes zurückkehren. Deutlich zeigt sich die Neigung dazu in den Nebensätzen, welche heute in der Erzählung Zeitbestimmungen enthalten. "Robinson fand eine Kokosnuß; er öffnete sie; er aß den Kern." Weder ein Kind noch ein Grammatiker wird sich an dieser Nebenordnung stoßen. Und doch hätte es ebenso gut heißen können: "Robinson fand eine Kokosnuß; nachdem er sie geöffnet hatte, aß er den Kern auf" oder auch: "Nachdem Robinson die Kokosnuß, welche er gefunden, geöffnet hatte, aß er usw." oder auch: "Nachdem Robinson die gefundene Kokosnuß geöffnet usw." Selbst in der Theorie ist mit dem Begriff des untergeordneten Satzes nicht viel anzufangen (vgl. III. 196). Wir können nicht mehr sagen, als dass er eine Bestimmung zum Hauptsatze enthalte. Darin liegt seine ganze Abhängigkeit. Aber abhängig sind alle Sätze wie alle Worte einer Rede voneinander. Und faßt man die Sprache gar erst wieder als etwas zwischen den Menschen, wie z. B. in einem lebhaften Gespräch, in einer kurzen telephonischen Verabredung, so schließen sich lauter isolierte Sätze aneinander, die das zusammenfassende Satzgefüge in einer langen Periode von abhängigen Sätzen vereinigen würde. — "Gut. — Morgen? — Ja. — Wann? — Nach dem Theater. — Wo? — An der gewohnten Ecke. — Gewiß? — Wenn ich allein bin." Der Inhalt dieser Verabredung wird nicht reicher an Wert, wenn der Frager ihn dann noch einmal zur Sicherheit wiederholt und so ausspricht: "Wir sehen uns also, wenn du allein bist, morgen abend, sobald das Theater vorüber ist, an der Ecke, an welcher wir uns immer treffen."