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Verbum

"Ich weiß" ist so viel wie "ich habe gesehen". Das aktive "Sehen" ist so viel wie das passive "einen Lichteindruck empfangen haben". Dieses Passivum heißt: die leuchtende Eigenschaft eines Dings wahrnehmen. Noch einmal: Perfektum verwandelt sich in Gegenwart, Passivum in Aktivum, Adjektiv in Verbum. So ist es irgendwie historisch zugegangen. So geht es — unmerkbar freilich für unsere grobe Aufmerksamkeit — bei jedem Wahrnehmen in jedem Augenblicke zu. Dieser Einsicht gegenüber machen die Versuche, den Sinn des Verbums zu definieren, nur einen kläglichen Eindruck. Ich will mich bei der Kritik dieser ungezählten Definitionen an dieser Stelle nicht aufhalten. Nur an die sprachlichen Bezeichnungen von dieser Kategorie will ich erinnern, weil sich in ihnen die ganze Verlegenheit der Grammatik ausspricht. Die alte Bezeichnung Verbum ist das Wort par excellence und steht auf dem Standpunkte des Aristoteles und unserer Schulknaben, die im Tätigkeitswort, neben dem Substantiv, den wichtigsten Redeteil sehen. Die deutsche Grammatik hat es zu einem technischen Ausdrucke gar nicht gebracht, die von mir eben gebrauchte Bezeichnung Tätigkeitswort paßt nicht auf die Zustandsworte und die passiven Begriffe. Die sehr häufige Bezeichnung Aussage wort ist ein sichtlicher Pleonasmus; man könnte ebensogut Redeteil oder Redewort sagen. Am gebräuchlichsten ist der Ausdruck "Zeitwort". Aber die historische Sprachforschung hat es beinahe außer Zweifel gestellt, daß das Verbum ursprünglich einen Zeitunterschied nicht kannte, wie das Verbum bei sogenannten wilden Völkern heute noch mitunter zeitlos ist. Es sind in den erhaltenen alten Sprachen Spuren vorhanden, die beweisen, daß Perfektformen einen dauernden Vorgang ausdrückten, also das, was wir die Gegenwart nennen, in Sätzen wie "die Sonne scheint". Solche dauernden Vorgänge sind aber gerade das, was wir Erscheinungen nennen, und die uns eigentlich als Eigenschaften der Wirklichkeitswelt in die Sinne kommen. Wir gelangen also auch auf diesem Wege dazu, das Verbum als ein den menschlichen Denkgewohnheiten angepaßtes Eigenschaftswort zu betrachten.