Was die Dreisinnigen lehren
In den letzten Jahren sind aus der Zahl der etwa fünfzig Dreisinnigen, von denen fünf oder sechs als Dreisinnige geboren waren, der Fall von Heien Keller und der Fall von Marie Heurtin genauer bekannt geworden. Heien Keller ist sogar, nicht ohne Zutun amerikanischer Reklame, zu einer Art literarischer Berühmtheit gelangt. Eine Taubstummblinde konnte eine geschätzte Worthändlerin werden. Marie Heurtin wiederum kam in die Entreprise einer katholischen Reklame. Mit psychologischem Ernste ist der Fall Heien von William Stern, der Fall Marie von W. Jerusalem behandelt worden. Heien übertrifft Laura an Begabung oder Wortgedächtnis ebenso sehr, wie Marie, die dreisinnig Geborene, hinter Laura zurückbleibt. Was Lauras Geschichte lehren konnte, ist durch die neueren Beobachtungen nicht wesentlich verändert worden. Aufwühlendes Mitgefühl für die Opfer des Naturexperiments und Bewunderung für ihre Pädagogen darf uns nicht taub und blind und stumm machen für die Wahrheit: Laura, Heien und Marie sind glücklichere Geschöpfe geworden durch das befriedigte Schwatzvergnügen und durch die erworbene Fähigkeit, guten Menschen ihre Wünsche mitzuteilen; für den Erkenntniswert der Sprache beweisen die geschulten Dreisinnigen nichts. Aus Tieren sind sie Menschen geworden. Das ist alles. Nur Menschen bewerten das menschlich. Als Marie noch bellte wie ein Hund, legte ihr bereits die Tante, weil sie das Bellen verstand, Obstmus auf das trockene Brot.
Auch im Tierstand, vor Erlernung einer Sprache, waren Laura, Heien und Marie Organismen, Individuen, merkten sich ihre Interessen; durch die Sprache lernten sie nur, ihre Leiden und Freuden zwischen den Menschen, zwischen mehr Menschen, an das Gedächtnis von Tast- und Bewegungsempfindungen knüpfen.
Die Assoziationsfähigkeit der Tastempfindungen war bei Laura Bridgman bewundernswert, wenn man allen Berichten glauben darf. "Laura erkannte bei der leisesten Berührung jede Person, die sie einmal kennen gelernt hatte, selbst nach mehreren Jahren wieder. Selbst die Stimmung ihrer Bekannten erriet sie durch Befühlen des Gesichtes." Eine sogenannte Erklärung dafür wird man in der Parallelerscheinung finden, daß Laura (nach der bekannten Weberschen Methode gemessen) für Unterscheidung zweier nahen Tastempfindungen sowohl an den empfindlichsten wie an den dumpfesten Körperstellen etwa dreimal so genaue Feinheit besaß als ein Normalmensch.
Aber diese Assoziationsfähigkeit oder Denkkraft oder Begabung Lauras — wie immer man die Äußerungen ihrer Gebärdensprache nennen mag — führen immer auf ihr vor zügliches Gedächtnis als Quelle zurück. Materialistische Psychologen mögen es unter sich ausmachen, wie in ihrem Gehirn das Tastzentrum "vikariierend" für das Gehörzentrum eintreten konnte, ohne die Lehre von den Lokalisationen über den Haufen zu werfen.
Für eine höhere Warte ist es ein Nebenumstand, daß das Gedächtnis der Dreisinnigen an Tast- und Bewegungsgefühle geknüpft werden muß, weil die Fäden des Gesichts- und Gehörsinns gerissen sind. Es bleibt, mit einer leisen Änderung. bei dem alten Satze: Es ist nichts im Verstande oder im Gedächtnis oder in der Sprache, was nicht vorher in einem der Zufallssinne gewesen ist. Und weil mir vorgeworfen wird, daß ich diesen alten Satz zu oft bemühe, so will ich diesmal. um seine eigentliche Weisheit zu erhellen, ein für allemal noch sagen, daß er nach meiner Meinung gar nicht materialistisch oder sensualistisch ausgebeutet werden darf. Im Intellekt oder in der Sprache oder im Gedächtnis ist natürlich nichts, was nicht vorher in den Sinnen war, in den Zufallssinnen. Nur unsere Gehirnarbeit also, unsere Sprache oder unser Gedächtnis, ist sinnlich, sinnhaft, sensualistisch. Für das andere, das eigentlich ist und wird, das auch wir sind und widerwirken, haben wir keinen Sinn und darum kein Wort.