9. Psychologie auf Hochtouren. Die dahinjagende Troika. Schluß der Rede des Staatsanwalts
Als Ippolit Kirillowitsch bis zu diesem Punkt seiner Rede gelangt war (er hatte offenbar eine streng historische Methode der Darstellung gewählt, eine Methode, zu welcher alle nervösen Redner mit besonderer Vorliebe Zuflucht nehmen, indem sie absichtlich einen strengen Rahmen suchen, um ihren eigenen ungeduldigen Eifer zu hemmen), da verbreitete er sich besonders über den ‚Früheren‘ und trug zu diesem Thema einige in ihrer Art interessante Gedanken vor. Karamasow, bisher auf alle eifersüchtig bis zur Raserei, falle auf einmal gleichsam zusammen und verschwinde vor dem ‚Früheren‘. Und dies sei um so seltsamer, da er früher diese neue Gefahr in der Person des unerwarteten Nebenbuhlers fast gar nicht beachtet habe. Aber er habe wohl immer die Vorstellung gehabt, das sei noch in weiter Ferne; ein Karamasow lebe jedoch immer nur im gegenwärtigen Augenblick. Wahrscheinlich habe er den anderen sogar für eine Fiktion gehalten. Doch nachdem er dann urplötzlich begriffen habe, daß diese Frau ihm den neuen Nebenbuhler vielleicht gerade darum verheimlichte, weil er für sie ganz und gar keine Phantasie und Fiktion, sondern ihre ganze Lebenshoffnung bildete — nachdem er das begriffen habe, habe er sich dreingefunden. »Nun, meine Herren Geschworenen, ich kann diesen in der Seele des Angeklagten plötzlich hervorgetretenen Zug nicht mit Stillschweigen übergehen. Es könnte scheinen, der Angeklagte sei zu einem solchen Verhalten schlechterdings nicht fähig gewesen; aber es zeigte sich bei ihm auf einmal ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Gerechtigkeit, ein Drang, dieses weibliche Wesen zu achten, die Rechte ihres Herzens zu respektieren, und zwar gerade in dem Augenblick, als er sich um ihretwillen die Hände mit dem Blut seines Vaters befleckt hatte! Allerdings schrie auch das vergossene Blut schon zu diesem Zeitpunkt nach Rache; denn nachdem er seine Seele und sein ganzes irdisches Schicksal zerstört hatte, mußte er das in jenem Augenblick unwillkürlich fühlen und sich fragen, was er jetzt noch für sie bedeuten konnte, für dieses Wesen, das er mehr als seine Seele liebte — er neben diesem ‚Früheren‘, der reuig zu der einst von ihm zugrunde gerichteten Frau mit neuer Liebe, mit ehrenhaften Anträgen und mit dem Gelöbnis eines neuen, glücklichen Lebens zurückkehrte. Was konnte er, der Unglückliche, ihr jetzt geben, was konnte er ihr bieten? Karamasow begriff das alles; er begriff, daß ihm sein Verbrechen alle Wege verschloß, daß er nur ein zum Tod verurteilter Verbrecher war — kein Mensch, dem weiterzuleben vergönnt war! Dieser Gedanke drückte ihn nieder und vernichtete ihn. Und so faßte er augenblicklich einen verzweifelten Plan, der ihm bei seinem Charakter als der einzige, vom Schicksal gewiesene Ausweg aus seiner furchtbaren Lage erscheinen mußte. Dieser Ausweg war der Selbstmord. Er läuft seine Pistole holen, die er bei dem Beamten Perchotin versetzt hat; er nimmt unterwegs im Laufen aus der Tasche das Geld, um dessentwillen er soeben seine Hände mit dem Blut seines Vaters befleckt hat. Oh, Geld braucht er jetzt ganz besonders nötig: Karamasow wird sterben, Karamasow wird sich erschießen — doch an die Art, wie er das getan hat, wird man lange denken! Nicht umsonst sind wir ein Dichter, nicht umsonst haben wir unser Leben aufgebraucht wie eine an beiden Enden angezündete Kerze. ‚Zu ihr, zu ihr! Dort werde ich ein Gelage für die ganze Welt veranstalten, ein Gelage, wie es noch nicht dagewesen ist, damit die Menschen sich lange daran erinnern und davon erzählen. Inmitten des Geschreis, der wilden Lieder und Tänze der Zigeuner werde ich den Becher erheben, der vergötterten Frau zu ihrem neuen Glück gratulieren und mir dann gleich dort zu ihren Füßen und vor ihren Augen den Schädel zerschmettern!‘ Sie wird sich später manchmal an Mitja Karamasow erinnern, wird verstehen, wie heiß Mitja sie geliebt hat, und sie wird Mitja bedauern! Ja, hier ist viel Hang zur großartigen Pose mit im Spiel, viel romantische Schwärmerei, viel echt Karamasowsche Zügellosigkeit und Sentimentalität — nun, und noch etwas anderes, meine Herren Geschworenen, etwas, das da unermüdlich in der Seele schreit, im Verstand pocht und das Herz vergiftet. Dieses Etwas ist das Gewissen, meine Herren Geschworenen, das Gewissen, das ihn unerbittlich richtet und entsetzlich quält. Aber die Pistole wird alles zur Ruhe bringen, die Pistole ist die einzige Rettung, eine andere gibt es nicht. Dort im Jenseits jedoch … Ich weiß nicht, ob Karamasow in jenem Augenblick daran gedacht hat, was im Jenseits sein wird, ob Karamasow überhaupt imstande ist, daran zu denken, wie es Hamlet tut. Nein, meine Herren Geschworenen, woanders gibt es Hamlets, doch bei uns vorläufig nur Karamasows!«
Nun entrollte Ippolit Kirillowitsch ein Bild von Mitjas Vorbereitungen mit allen Einzelheiten: die Szenen bei Perchotin, im Laden, mit dem Kutscher. Er führte eine Menge von Worten, Aussprüchen und Gesten an, die sämtlich durch Zeugen bestätigt waren — und das Bild übte eine gewaltige Wirkung auf die Zuhörer aus. Vor allem beeindruckte dabei das Zusammentreffen der Tatsachen. Die Schuld dieses bis zum Wahnsinn erregten und sich nicht mehr beherrschenden Menschen trat unwiderleglich zutage.
»Es lag ihm nichts mehr daran, sich in acht zu nehmen«, sagte Ippolit Kirillowitsch. »Zwei- oder dreimal war er schon nahe daran, ein volles Geständnis abzulegen; er machte Andeutungen und sprach nur nicht ganz zu Ende …« Hier folgten die Aussagen von Zeugen. »Selbst dem Kutscher rief er unterwegs zu: ‚Weißt du, daß du einen Mörder fährst?‘ Aber zu Ende zu sprechen war ihm doch nicht möglich: Er mußte erst noch in das Dorf Mokroje gelangen und dort eine poetische Szene veranstalten. Doch was erwartete ihn dort? Die Sache war nämlich die, daß er in Mokroje gleich von Anfang an begriff, daß sein ‚privilegierter‘ Nebenbuhler offenbar überhaupt nicht mehr so privilegiert war und daß seine Geliebte von ihm gar keine Gratulation zu dem neuen Glück wünschte. Aber Sie kennen die Tatsachen schon aus der gerichtlichen Untersuchung, meine Herren Geschworenen. Karamasows Triumph über den Nebenbuhler war unbestritten, und nun — oh, nun begann in seiner Seele schon eine neue Phase, sogar die schrecklichste Phase, die diese Seele jemals erlebt hatte und noch erleben wird! Man kann es mit aller Bestimmtheit aussprechen, meine Herren Geschworenen, daß sich die beschimpfte Natur und das verbrecherische Herz stärker gerächt haben, als es jedes irdische Gericht vermocht hätte! Ja noch mehr: Das Gericht und die irdische Strafe erleichtern sogar die von der Natur vollzogene Strafe; sie sind der Seele des Verbrechers in diesen Augenblicken geradezu unentbehrlich, weil sie sie vor der Verzweiflung retten. Ich bin nicht imstande, mir das Entsetzen und die seelischen Leiden Karamasows vorzustellen, als er erfuhr, daß sie ihn liebt, daß sie um seinetwillen ihren ‚Früheren‘ zurückweist, daß sie mit ihm, Mitja, ein neues Leben führen will und das, als für ihn schon alles zu Ende ist. Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine für uns sehr wichtige Bemerkung machen, um die damalige Lage des Angeklagten ins rechte Licht zu rücken: Diese Frau, die er bis zum letzten Augenblick, bis zu dem Moment seiner Verhaftung liebte, war für ihn ein unerreichbares Wesen, ein leidenschaftlich begehrtes, aber unerreichbares Wesen. Doch warum erschoß er sich nicht gleich damals, warum nahm er von dem bereits gefaßten Entschluß Abstand und vergaß sogar, wo seine Pistole lag? Die leidenschaftliche Gier nach Liebe und die Hoffnung, sie gleich dort zu stillen, waren es, die ihn zurückhielten. In dem wüsten Treiben des Gelages hing er an seiner Geliebten, die mit ihm zusammen das Fest genoß und für ihn reizender und verführerischer war als je zuvor; er weicht nicht von ihrer Seite, er kann sich an ihr nicht satt sehen, er vergeht vor Entzücken über sie. Diese leidenschaftliche Gier konnte für einen Moment sogar die Furcht vor der Verhaftung und auch die Gewissensbisse übertäuben! Für einen Moment, oh, nur für einen Moment! Ich stelle mir vor, daß sich die Seele des Verbrechers damals in einer eindeutigen sklavischen Abhängigkeit von drei Elementen befand. Da war, erstens die Trunkenheit, der Dunst und der Lärm, das Gestampfe des Tanzes, das Gekreisch der Lieder — und sie, vom Wein erhitzt, singend und tanzend und ihn anlächelnd! Zweitens die Ermutigung durch den Gedanken, daß die verhängnisvolle Lösung noch fern oder doch wenigstens nicht nahe war, daß man frühestens am Morgen des folgenden Tages kommen und ihn festnehmen würde. Folglich hatte er noch mehrere Stunden vor sich: das ist viel, sehr viel! Man kann sich vieles ausdenken, wenn man mehrere Stunden zur Verfügung hat. Ich stelle mir vor, daß er ähnlich empfand wie ein Verbrecher, der zum Galgen gefahren wird: Es muß noch eine lange, lange Straße durchfahren werden; und noch dazu im Schritt, an einer tausendköpfigen Volksmenge vorbei, dann wird der Zug in eine andere Straße einbiegen, und erst am Ende dieser anderen Straße liegt der furchtbare Platz! Ich glaube, zu Beginn der Fahrt muß der Verurteilte das Gefühl haben, noch liege ein endloses Leben vor ihm. Aber siehe da, die Häuser weichen zurück, der Wagen bewegt sich immer weiter vorwärts — oh, das tut nichts, bis zum Einbiegen in die zweite Straße ist es noch so weit, also blickt er immer noch mutig nach rechts und links und in diese tausendköpfige Menge teilnahmslos neugieriger Menschen, die ihre Blicke auf ihn heften, und immer noch will ihm scheinen, er sei kein anderer Mensch als sie. Aber da ist schon die Ecke, die Stelle, wo in die nächste Straße eingebogen wird — oh, das tut auch nichts, es ist ja noch eine ganze Straße! Und wie viele Häuser auch hinter ihm zurückweichen, er wird immer denken: Es sind noch viele Häuser übrig! Und so bis zum Ende, bis zum Platz selbst. So, stelle ich mir vor, war es damals auch mit Karamasow. ‚Sie haben noch nicht genug Zeit gehabt, die Verfolgung einzuleiten!‘ denkt er. Ich kann mir noch irgend etwas einfallen lassen. Ich habe noch Zeit, einen Verteidigungsplan zu entwerfen, mir eine Abwehr zurechtzulegen. Und jetzt … Ach, sie ist so reizend!‘ Trüb sieht es in seiner Seele aus, aber er bringt es doch fertig, von seinem Geld die Hälfte abzuteilen und irgendwo zu verstecken — sonst kann ich mir nicht erklären, wo die eine Hälfte der dreitausend Rubel, die er kurz vorher bei seinem Vater unter dem Kopfkissen hervorgeholt hatte, geblieben sein könnte. Er war nicht zum erstenmal in Mokroje; er hatte dort schon früher einmal zwei Tage lang geschlemmt. Das große alte Holzhaus war ihm mit all seinen Vorratsräumen und Galerien bekannt. Ich nehme an, daß er einen Teil des Geldes kurz vor seiner Festnahme dort versteckt hat, jawohl, in diesem Haus, in irgendeiner Ritze, unter einer Diele, irgendwo in einem Winkel, unter dem Dach. Wozu? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Die Katastrophe kann im nächsten Augenblick hereinbrechen; zwar haben wir noch nicht überlegt, wie wir ihr entgegentreten können, und wir haben auch noch keine Zeit dazu gehabt, und es hämmert uns im Kopf, und es zieht uns zu ihr, doch das Geld — Geld ist in jeder Lebenslage unentbehrlich! Ein Mensch, der Geld hat, ist überall ein Mensch. Vielleicht scheint Ihnen eine solche Fähigkeit zum Überlegen in so einem Moment unnatürlich? Aber er versichert uns ja selbst, er habe schon einen Monat vorher in einem gleichfalls sehr aufregenden, verhängnisvollen Augenblick die eine Hälfte von dreitausend Rubeln abgeteilt und in ein Säckchen eingenäht. Und wenn das auch unwahr ist, wie wir sogleich zeigen werden, so war ihm doch dieser Gedanke offenbar nicht fremd: Er hatte ihn schon erwogen. Ja noch mehr. Als er später dem Untersuchungsrichter versicherte, er habe fünfzehnhundert Rubel in ein Säckchen getan, welches nie existiert hat, da hat er sich dieses Säckchen vielleicht gerade deshalb ausgedacht, weil er zwei Stunden vorher in einer jähen Eingebung die Hälfte des Geldes abgeteilt und in Mokroje für jeden Fall bis zum Morgen versteckt hatte, um sie nicht an seinem Körper aufzubewahren. Zwei Unendlichkeiten gibt es, die eine hoch oben, die andere tief unten: Sie erinnern sich, meine Herren Geschworenen, daß Karamasow beide Unendlichkeiten zu schauen vermag, und beide zugleich! Wir haben in diesem Haus gesucht, aber nichts gefunden. Vielleicht ist das Geld auch jetzt noch dort; vielleicht ist es aber auch am nächsten Tag verschwunden und jetzt im Besitz des Angeklagten. Jedenfalls wurde er neben ihr verhaftet, vor ihr knieend. Sie lag auf dem Bett; er streckte die Arme nach ihr aus und hatte alles völlig vergessen, daß er niemanden kommen hörte, nicht einmal jene, die ihn verhaften kamen. Er hatte noch keine Zeit gehabt, eine Antwort in seinem Kopf vorzubereiten. Er und sein Verstand waren überrumpelt worden … Und da sitzt er nun vor seinen Richtern, die über sein Schicksal zu entscheiden haben. Meine Herren Geschworenen, es gibt Augenblicke, wo selbst wir bei der Erfüllung unserer Amtspflicht von Grauen und Mitleid mit dem Verbrecher gepackt werden! Das geschieht angesichts des tierischen Entsetzens, wenn der Verbrecher bereits merkt, daß alles verloren ist, aber trotzdem noch mit uns zu kämpfen beabsichtigt. Das geschieht, wenn sich bei ihm alle Instinkte der Selbsterhaltung zugleich regen und er, um seine Rettung besorgt, uns mit durchdringendem Blick fragend und leidvoll ansieht, wenn er uns und unser Gesicht belauert und unsere Gedanken zu erraten sucht, wenn er wartet, von welcher Seite wir den Schlag gegen ihn führen werden, und in seinem schwer erschütterten Geist sofort tausend Pläne entwirft und dennoch Angst hat zu reden, weil er fürchtet, unversehens ein Wort zuviel zu sagen! Das sind erniedrigende Augenblicke für eine Menschenseele, das ist ihr Leidensweg, das ist das tierische Verlangen, sich zu retten — diese Augenblicke sind entsetzlich und rufen bisweilen sogar bei den Beamten, die die Untersuchung führen, ein aufrichtiges Mitleid mit dem Verbrecher hervor. Und alles das haben wir damals mitangesehen. Anfangs war er wie betäubt, und vor Schrecken entfuhren ihm einige Worte, die ihn stark kompromittierten: ‚Blut! Ich habe es verdient!‘ Aber er gewann bald die Herrschaft über sich zurück. Was er sagen und antworten sollte, hatte er vorläufig noch nicht parat; parat hatte er nur ein glattes Leugnen: ‚Am Tode meines Vaters bin ich unschuldig!‘ Er dachte wohl: ‚Das ist vorläufig mein Zaun; und hinter dem Zaun werde ich vielleicht noch etwas aufrichten, irgendeine Barrikade …‘ Er beeilt sich, unseren Fragen zuvorkommend, seine ersten kompromittierenden Ausrufe so zu deuten, als meinte er nur, an der Tötung des Dieners Grigori schuld zu sein: ‚An diesem Blut trage ich die Schuld. Aber wer hat meinen Vater ermordet, meine Herren, wer hat ihn ermordet? Wer anders konnte ihn ermorden als ich?‘ Beachten Sie das: Er fragt uns, uns, die wir mit dieser Frage zu ihm gekommen sind! Beachten Sie diese vorauseilenden Worte: ‚Wer anders als ich?‘ Diese tierische Schlauheit, diese Naivität und Karamasowsche Ungeduld! ‚Nicht ich habe den Mord begangen! Untersteht euch nicht zu denken, daß ich es war!‘ sagt er gewissermaßen. ‚Ich wollte ihn töten, meine Herren, ich wollte ihn töten‘, bekennt er schleunigst. ‚Trotzdem bin ich unschuldig, ich habe ihn nicht getötet!‘ Er gibt zu, daß er ihn hatte töten wollen — das soll heißen: ‚Seht, wie aufrichtig ich bin! Da müßt ihr doch um so eher glauben, daß ich ihn nicht getötet habe?‘ Oh, in solchen Fällen wird ein Verbrecher manchmal unglaublich leichtsinnig. Und da stellte ihm einer der verhörenden Beamten, wohl ganz zufällig, auf einmal die höchst harmlose Frage: ‚Hat vielleicht Smerdjakow den Mord begangen?‘ Und es geschah, was wir erwartet hatten: Er wurde furchtbar wütend, daß wir ihm zuvorgekommen waren und ihn überrascht hatten, bevor er sich hatte vorbereiten und den richtigen Augenblick herausfinden können, wo es am natürlichsten gewirkt hätte, Smerdjakow ins Spiel zu bringen. Seinem Charakter gemäß stürzte er sich sofort ins entgegengesetzte Extrem und suchte uns von sich aus nach Kräften zu überzeugen, daß Smerdjakow den Mord nicht begangen haben konnte und nicht fähig war, einen Mord zu begehen. Doch wir trauten ihm nicht, sondern sagten uns, das ist nur Schlauheit von seiner Seite; er verzichtet durchaus noch nicht darauf, Smerdjakow ins Spiel zu bringen, im Gegenteil, er wird ihn schon noch hervorholen: Wen sollte er sonst als den Schuldigen hinstellen? Er wird es zu einem anderen Zeitpunkt tun, denn jetzt ist diese Sache einstweilen verdorben. Er wird ihn vielleicht erst morgen hervorholen oder gar erst nach einigen Tagen, wenn er einen geeigneten Moment gefunden hat, um uns zuzurufen: ‚Sehen Sie, ich selber bestritt Smerdjakows Schuld mehr als Sie, sicher werden Sie sich daran erinnern? Jetzt aber bin ich zu der Überzeugung gelangt: Er hat den Mord begangen — anders ist es nicht möglich!‘ Einstweilen aber verlegte er sich uns gegenüber auf ein finsteres, gereiztes Leugnen; seine Ungeduld und sein Zorn ließen ihn jedoch die ungeschickteste und unwahrscheinlichste Erklärung vorbringen, daß er bei seinem Vater ins Fenster hineingesehen habe und respektvoll vom Fenster weggegangen sei. Die Hauptsache war, er kannte die näheren Umstände noch nicht und wußte nicht, wie belastend für ihn die Aussagen des wieder zur Besinnung gelangten Grigori waren. Wir schritten zur Leibesvisitation. Die Visitation brachte ihn furchtbar auf, ermutigte ihn aber auch wieder: Es wurden nicht die ganzen dreitausend Rubel gefunden, sondern nur die Hälfte. Und nun, erst in diesem Stadium des zornigen Schweigens und Leugnens, schoß ihm zum erstenmal der Gedanke von dem Säckchen durch den Kopf. Ohne Zweifel fühlte er selbst die ganze Unglaubhaftigkeit dieser Erfindung und quälte sich furchtbar in dem Bestreben, sie glaubhafter zu machen, sie so zurechtzubasteln, daß ein wahrscheinlich klingender Roman herauskam. In solchen Fällen ist es die erste Pflicht und die wichtigste Aufgabe des Verhörenden, dem Verbrecher keine Zeit zur Vorbereitung zu lassen, ihn unerwartet zu überfallen, damit er seine geheimen Verteidigungspläne in aller verräterischen Offenherzigkeit mit all ihren Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüchen ausspricht. Zum Sprechen kann man einen Verbrecher aber nur dadurch bringen, daß man ihm plötzlich und wie zufällig irgendeine neue Tatsache mitteilt, irgendeinen bedeutsamen Umstand, den er bisher nicht geahnt hat und in keiner Weise hat wissen können. Eine solche Tatsache hatten wir schon lange in Bereitschaft. Es war die Aussage des Dieners Grigori über die offenstehende Tür, aus der der Angeklagte herausgelaufen war. Diese Tür hatte er ganz vergessen, und der Gedanke, daß Grigori sie gesehen haben könnte, war ihm überhaupt nicht gekommen. Die Wirkung war kolossal. Er sprang auf und schrie: ‚Dann hat Smerdjakow den Mord begangen! Smerdjakow ist es gewesen!‘ Und so verriet er seinen wichtigsten geheimen Verteidigungsplan in der unglaubhaftesten Form: Smerdjakow konnte den Mord nämlich erst begangen haben, nachdem der Angeklagte den Diener Grigori niedergeschlagen hatte und davongelaufen war. Als wir ihm nun mitteilten, daß Grigori die Tür schon vor dem Schlag offen gesehen und beim Verlassen seines Schlafzimmers gehört hatte, wie Smerdjakow hinter dem Bretterverschlag stöhnte, da war Karamasow wahrhaft niedergeschmettert. Mein Kollege, unser verehrter scharfsinniger Nikolai Parfjonowitsch, hat mir hinterher gesagt, der Angeklagte habe ihm in diesem Moment so leid getan, daß er hätte weinen mögen … In diesem Augenblick faßte er, um seine Sache wieder zu verbessern, schnell den Entschluß, uns von diesem hochberühmten Säckchen zu erzählen. ‚Sei es drum!‘ sagt er gewissermaßen. Hören Sie also dieses Geschichtchen! Meine Herren Geschworenen, ich habe Ihnen bereits meine Gedanken darüber dargelegt, warum ich die Geschichte von dem Geld, das einen Monat vorher in ein Säckchen eingenäht worden sein soll, nicht nur für eine Torheit, sondern auch für die unwahrscheinlichste Erfindung halte, auf die man unter den vorliegenden Umständen nur verfallen konnte. Ja, wenn es sich bei einer Wette darum handeln würde, das Unwahrscheinlichste zu finden, was sich hier sagen und vorbringen ließe, würde man sich nichts Tolleres ausdenken können. In so einem Fall kann man den triumphierenden Erfinder vor allem durch Einzelheiten konfus machen, durch jene Einzelheiten, an denen die Wirklichkeit so reich ist, die jedoch von diesen unglücklichen, unfreiwilligen Autoren stets vernachlässigt werden, als wären es ganz unbedeutende, nutzlose Kleinigkeiten. Oh, darum ist ihnen in dem Augenblick nicht zu tun, ihr Geist schafft nur ein großartiges Ganzes — und da wagt man, ihnen mit solchen Kleinigkeiten zu kommen! Aber gerade, dadurch werden sie gefangen! Dem Angeklagten wurde die Frage vorgelegt: ‚Nun, wo haben Sie denn das Material für Ihr Säckchen her, und wer hat es Ihnen genäht?‘ — ‚Ich habe es selbst genäht.‘ — ‚Wo haben Sie die Leinwand hergenommen?‘ Der Angeklagte fühlte sich dadurch schon beleidigt; er hielt das für beleidigende Kleinigkeitskrämerei, und er meinte das wirklich so, wirklich! Doch so machen sie es alle … ‚Ich habe einen Fetzen von einem meiner Hemden abgerissen.‘ — ‚Sehr wohl, dann werden wir morgen in Ihrer Wäsche dieses beschädigte Hemd ausfindig machen.‘ Und sagen Sie selbst, meine Herren Geschworenen: Wenn wir dieses Hemd wirklich gefunden hätten — und wie hätten wir es nicht in seinem Koffer oder in seiner Kommode finden sollen, wenn ein solches Hemd tatsächlich existiert hätte? —, so wäre das doch wenigstens eine greifbare Tatsache zu seinem Gunsten gewesen! Doch das vermochte er nicht zu überlegen. ‚Ich erinnere mich nicht. Vielleicht war es auch nicht von einem Hemd? Ja, ich habe das Geld in eine Haube meiner Wirtin eingenäht.‘ — ‚In was für eine Haube?‘ — ‚Ich nahm sie ihr weg, sie lag bei ihr herum, es war ein altes, wertloses Ding aus Kaliko.‘ — ‚Und Sie erinnern sich daran mit Bestimmtheit?‘ — ‚Nein, mit Bestimmtheit nicht …‘ Er wurde böse, ernstlich böse; aber bedenken Sie bitte: Wie hätte er sich daran nicht erinnern sollen? In den furchtbarsten Augenblicken des Lebens, zum Beispiel wenn jemand zur Hinrichtung gefahren wird, bleiben gerade die Kleinigkeiten im Gedächtnis haften. Er wird alles vergessen, aber an ein grünes Dach, das ihm unterwegs aufgefallen ist, oder an eine Dohle auf einem Kreuz — daran wird er sich erinnern … Er hat sich, als er sein Säckchen nähte, vor seinen Hausleuten versteckt: Also mußte er sich erinnern, wie demütigend er mit der Nadel in der Hand unter der Furcht litt, es könnte jemand hereinkommen und ihn überraschen, wie er beim ersten Klopfen aufsprang und hinter den Bretterverschlag lief! Aber, meine Herren Geschworenen, wozu teile ich Ihnen das alles, alle diese Einzelheiten und Kleinigkeiten, mit? Weil der Angeklagte bis zu diesem Augenblick hartnäckig bei dieser Torheit bleibt! In diesen ganzen zwei Monaten seit jener verhängnisvollen Nacht hat er nichts erklärt und keinen einzigen erklärenden realen Umstand zu seinen früheren phantastischen Aussagen hinzugefügt. ‚Das sind alles Kleinigkeiten, aber glauben Sie mir auf mein Ehrenwort!‘ sagt er. Oh, wir glauben mit Freuden, wir dürsten danach zu glauben, und sei es sogar auf sein Ehrenwort! Sind wir etwa Schakale, die nach Menschenblut dürsten? Bitte, man zeige uns auch nur eine einzige Tatsache zugunsten des Angeklagten, und wir werden uns freuen! Aber es muß eine greifbare, reale Tatsache sein — und kein Schluß, den der Bruder des Angeklagten aus dessen Gesichtsausdruck zieht, oder der vage Hinweis, er habe wohl sicher auf das Säckchen gedeutet, als er sich an die Brust schlug, und das noch dazu in der Dunkelheit! Wir werden uns über eine neue Tatsache freuen, wir werden als erste auf unsere Beschuldigung verzichten, wir werden uns beeilen, sie fallenzulassen. Jetzt aber schreit die Gerechtigkeit, und wir bestehen auf unserer Anklage — es ist uns nicht möglich, etwas zurückzunehmen!« Ippolit Kirillowitsch kam nun zum Schluß seiner Rede. Er war wie im Fieber; er schrie nach Sühne des Vaterblutes, das der Sohn »mit der niedrigen Absicht zu rauben« vergossen habe. Er wies mit allem Nachdruck auf das tragische, zum Himmel schreiende Zusammentreffen der Tatsache hin. »Und was Sie auch von dem durch sein Talent berühmten Verteidiger des Angeklagten hören mögen«, konnte sich Ippolit Kirillowitsch nicht enthalten zu bemerken, »was auch für beredte, rührende, an Ihr empfindsames Gemüt appellierende Worte ertönen mögen — denken Sie immer daran, daß Sie sich in diesem Augenblick im Heiligtum unserer Rechtsprechung befinden! Denken Sie daran, daß Sie die Verteidiger unserer Gerechtigkeit sind, die Verteidiger unseres heiligen Rußlands, seiner Grundlagen, seiner Familie und alles Heiligen in ihm! Ja, Sie sind jetzt die Repräsentanten Rußlands, und Ihr Urteilsspruch wird nicht nur in diesem Saal erschallen, sondern in ganz Rußland! Und ganz Rußland wird auf Sie als auf seine Verteidiger und Richter hören und wird durch Ihren Spruch ermutigt oder niedergedrückt werden. Bereiten Sie dem erwartungsvoll gespannten Rußland keine schmerzliche Enttäuschung. Unsere verhängnisvolle Troika jagt Hals über Kopf dahin, vielleicht ins Verderben. Und schon lange strecken die Einsichtigen in ganz Rußland die Arme aus und rufen, man möge mit diesem rasenden, unerbittlichen Dahinjagen aufhören. Und wenn die anderen Völker vor der wild dahinstürmenden Troika bis jetzt noch zur Seite treten, so vielleicht gar nicht aus Achtung vor ihr, wie der Dichter meinte, sondern einfach aus Entsetzen, möglicherweise auch aus Abscheu. Aber es ist ja noch gut, daß sie überhaupt zur Seite treten; vielleicht werden sie sich einmal wie eine feste Wand dem einherstürmenden Gespenst entgegenstellen und selbst unserem unsinnigen, zügellosen Dahinjagen Halt gebieten, um sich und ihre Bildung und ihre Zivilisation zu retten! Solche Alarmrufe aus Westeuropa haben wir bereits gehört. Sie ertönen schon. Reizen Sie die anderen Völker nicht! Steigern Sie nicht ihren wachsenden Haß durch einen Urteilsspruch, der die Ermordung eines Vaters durch den eigenen Sohn rechtfertigt!«
Kurz, wenn sich Ippolit Kirillowitsch auch hatte hinreißen lassen, so schloß er doch pathetisch, und der Eindruck, den er hervorbrachte, war tatsächlich außerordentlich groß. Er selbst ging nach seiner Rede eilig hinaus und fiel in einem anderen Zimmer beinahe in Ohnmacht. Der Saal applaudierte nicht, doch die Ernsteren unter den Zuhörern waren zufrieden. Nicht so zufrieden waren die Damen, allerdings hatte auch ihnen seine schöne Beredsamkeit gefallen, zumal sie sich um die Folgen keinerlei Sorgen machten und alles von Fetjukowitsch erwarteten: »Nun wird der endlich das Wort ergreifen und natürlich über alle den Sieg davontragen!« Alle blickten Mitja an; während der ganzen Rede des Staatsanwaltes hatte er schweigend dagesessen, mit zusammengedrückten Händen, aufeinandergepreßten Zähnen und gesenktem Kopf. Nur manchmal hatte er den Kopf gehoben und zugehört, besonders als der Redner auf Gruschenka zu sprechen kam. Als Rakitins Ansicht über Gruschenka vorgetragen wurde, zeigte sich auf Mitjas Gesicht ein verächtliches, wütendes Lächeln, und er sagte ziemlich laut: »Diese Bernards!« Als dann Ippolit Kirillowitsch erzählte, wie er ihn in Mokroje verhört und gepeinigt hatte; hob Mitja den Kopf und hörte mit großem Interesse zu. An einer Stelle der Rede schien es, als wollte er sogar aufspringen und etwas rufen, doch er beherrschte sich und zuckte nur geringschätzig die Achseln. Über den letzten Teil der Rede, nämlich über das angeblich so kluge Verfahren des Staatsanwalts bei dem Verhör in Mokroje, wurde später bei uns viel geredet, und man machte sich über Ippolit Kirillowitsch lustig. »Dieser Mensch konnte es doch nicht unterlassen«, sagte man, »seine Fähigkeiten zu rühmen.« Die Sitzung wurde unterbrochen, aber nur für kurze Zeit, für eine Viertelstunde oder höchstens zwanzig Minuten. Im Publikum wurden Gespräche und Ausrufe laut. Einiges davon habe ich im Gedächtnis behalten.
»Eine bedeutende Rede!« bemerkte in einer Gruppe ein Herr mit gerunzelter Stirn.
»Ein bißchen viel Psychologie hat er verzapft«, sagte eine andere Stimme.
»Aber es war doch alles richtig, unwiderleglich wahr!«
»Ja, darin ist er Meister.«
»Er hat die Bilanz gezogen.«
»Auch über uns, auch über uns hat er Bilanz gezogen«, mischte sich ein dritter ein. »Erinnern Sie sich, wie er am Anfang seiner Rede sagte, wir seien alle solche Menschen wie Fjodor Pawlowitsch?«
»Und am Schluß ebenfalls. Aber da sagt er die Unwahrheit.«
»Es gab auch einige Unklarheiten.«
»Er ließ sich ein bißchen hinreißen.«
»Das war ungerecht, das war ungerecht.«
»Na, nein, geschickt war es doch. Der Mann hat lange warten müssen. Nun hat er sich endlich einmal ausreden können, hehe!«
»Was wird der Verteidiger sagen?«
In einer anderen Gruppe:
»Seine Stichelei gegen den Petersburger zum Schluß hätte er unterlassen können. ‚An Ihr empfindsames Gemüt appellierende Worte‘, Sie erinnern sich?«
»Ja, das war ungeschickt.«
»Er hatte es ein bißchen zu eilig.«
»Ein nervöser Mensch.«
»Wir lachen hier, aber wie mag dem Angeklagten zumute sein?«
»Ja. Wie mag diesem Mitenka wohl zumute sein?«
»Was wird der Verteidiger sagen?«
In einer dritten Gruppe:
»Was ist das da für eine Dame, die mit der Lorgnette, die dicke ganz am Rande?«
»Das ist die Frau von einem General. Geschieden. Ich kenne sie.«
»So so, darum diese Lorgnette.«
»Ein abgetakeltes Frauenzimmer.«
»Aber doch ganz pikant.«
»Nicht weit von ihr, zwei Plätze weiter sitzt eine kleine Blondine, die macht einen besseren Eindruck.«
»Auf geschickte Weise haben sie ihn damals in Mokroje überrumpelt, was?«
»Ja, das muß man sagen. Darum hat es der Staatsanwalt ja auch noch mal erzählt. Er hat darüber schon in jedem Haus wer weiß wieviel Gerede gemacht.«
»Auch jetzt hat er es sich nicht verkneifen können. Die liebe Eitelkeit!«
»Er ist ein zurückgesetzter Beamter, hehe!«
»Und empfindlich! Viel Rhetorik hat er aufgewandt, lange Phrasen gedrechselt.«
»Und er möchte einem Angst machen, merken Sie? Immer möchte er einem Angst machen. Erinnern Sie sich, was er von der Troika gesagt hat? Und dann: ‚Woanders gibt es Hamlets, doch bei uns vorläufig nur Karamasows.‘ Das war geschickt gesagt.«
»Das war eine Verbeugung vor dem Liberalismus. Er fürchtet sich.«
»Auch vor dem Rechtsanwalt hat er Angst.«
»Ja, was wird nun wohl Herr Fetjukowitsch sagen?«
»Na, mag er sagen, was er will — unsere Bauern wird er nicht herumkriegen.«
»Meinen Sie?«
In einer vierten Gruppe:
»Aber was er da von der Troika sagte, war doch schön, ich meine, wo er von den anderen Völkern sprach.«
»Und das war die Wahrheit! Du entsinnst dich gewiß, wie er sagte, daß die anderen Völker nicht warten würden?«
»Wieso?«
»Im englischen Parlament hat sich erst vorige Woche wegen unserer Nihilisten ein Mitglied erhoben und gefragt, ob es nicht an der Zeit sei, bei so einer barbarischen Nation wie uns einzugreifen und uns Bildung beizubringen. Den hat Ippolit mit seinen Worten gemeint! Ich weiß, daß er den gemeint hat. Er hat in der vorigen Woche davon gesprochen.«
»Du machst umsonst die Pferde scheu!«
»Wieso umsonst? Warum?«
»Wir sperren ihnen den Hafen von Kronstadt und geben ihnen kein Getreide mehr. Wo sollen sie es dann hernehmen?«
»Nun, aus Amerika. Heutzutage kommt alles aus Amerika.«
»Unsinn!«
Doch da läutete die Glocke, und alle stürzten zu ihren Plätzen. Fetjukowitsch trat ans Rednerpult.