13. Und selbst wenn …
»Nicht nur das Zusammentreffen der Tatsachen richtet meinen Klienten zugrunde, meine Herren Geschworenen!« rief er aus. »Nein, was meinen Klienten zugrunde richtet, ist in Wirklichkeit nur eine einzige Tatsache: nämlich der Leichnam seines alten Vaters! Handelte es sich um einen gewöhnlichen Mord, so würden auch Sie bei der Nichtigkeit, der Zweifelhaftigkeit und dem phantastischen Charakter jeder einzelnen Tatsache die Beschuldigung zurückweisen oder wenigstens Bedenken haben, das Schicksal eines Menschen lediglich auf Grund eines gegen ihn bestehenden Vorurteils zu zerstören, das er leider verdient hat! Aber es handelt sich hier nicht um gewöhnlichen Mord, sondern um Vatermord! Das macht Eindruck, und zwar in einem solchen Grad, daß sogar die Nichtigkeit und Unbewiesenheit der von der Anklage vorgebrachten Tatsachen nicht mehr so nichtig und unbewiesen erscheint — und das gilt selbst für den vorurteilsfreiesten Geist. Wie soll man einen solchen Angeklagten freisprechen? Wenn er nun den Mord wirklich begangen hat und straflos davonkommt? Das ist es, was jeder unwillkürlich und instinktiv in seinem Herzen fühlt. Ja, es ist etwas Furchtbares, das Blut des Vaters zu vergießen — das Blut dessen, der mich erzeugt, mich geliebt, sein Leben für mich nicht geschont hat, der seit meinen Kinderjahren meine Krankheiten wie die eigenen empfunden, sich die ganze Zeit um mein Glück gemüht und nur von meinen Freuden, von meinen Erfolgen gelebt hat! Oh, einen solchen Vater zu töten — unmöglich, das auch nur auszudenken! Meine Herren Geschworenen, was ist ein Vater, ein wirklicher Vater? Was ist das für ein großes Wort, welche gewaltige Idee liegt in dieser Bezeichnung? Wir haben soeben andeutungsweise gesagt, was und wie ein wahrer Vater sein muß. In dem vorliegenden Prozeß aber, der unser aller Interesse in Anspruch nimmt und unsere Seelen mit Schmerz erfüllt — in dem vorliegenden Prozeß hatte der Vater, der verstorbene Fjodor Pawlowitsch Karamasow, nicht die geringste Ähnlichkeit mit jener Vorstellung, die sich unser Herz von einem Vater macht. Das ist ein Unglück. In der Tat, mancher Vater hat Ähnlichkeit mit einem Unglück. Doch lassen Sie uns dieses Unglück näher betrachten — wir dürfen uns im Hinblick auf die Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung vor nichts fürchten, meine Herren Geschworenen. Gerade jetzt dürfen wir uns nicht fürchten und gewisse Gedanken sozusagen mit den Händen abwehren, wie es nach dem glücklichen Ausdruck des hochbegabten Anklägers Kinder oder ängstliche Frauen tun. Aber in seiner feurigen Rede hat mein verehrter Gegner — und mein Gegner war er, bevor ich mein erstes Wort gesprochen hatte — mehrmals ausgerufen: ‚Nein, ich überlasse es niemandem, den Angeklagten zu verteidigen! Ich trete seine Verteidigung dem Verteidiger aus Petersburg nicht ab — ich bin Ankläger, aber auch Verteidiger!‘ Das hat er mehrmals ausgerufen, und doch hat er eines vergessen zu erwähnen: Wenn der Angeklagte ganze dreiundzwanzig Jahre lang für ein einziges Pfund Nüsse dankbar war, das er von dem einzigen Menschen bekommen hatte, der ihm als kleinem Kind im Vaterhause eine Freundlichkeit erwies, dann mußte umgekehrt ein solcher Mensch es auch dreiundzwanzig Jahre im Gedächtnis behalten, wie er bei seinem Vater barfuß ‚auf dem Hof hinter dem Haus herumlief, ohne Schuhchen und mit Höschen, die nur an einem Knopf hingen‘, wie sich der menschenfreundliche Doktor Herzenstube ausdrückte. Oh, meine Herren Geschworenen, wozu sollen wir dieses Unglück noch näher betrachten und wiederholen, was alle bereits wissen? Was fand mein Klient vor, als er hier bei seinem Vater ankam? Und warum stellt man sich meinen Klienten gefühllos, egoistisch, unmenschlich vor? Er ist ungestüm, wild und gewalttätig, daher müssen wir jetzt über ihn Gericht halten; doch wer ist schuld am Schicksal dieses Menschen, wer ist schuld daran, daß er bei guten Charakteranlagen und einem dankbaren Herzen so eine verkehrte Erziehung empfing? Hat ihn jemand etwas Vernünftiges gelehrt, ihn in den Wissenschaften unterwiesen? Hat ihn jemand in seiner Kindheit auch nur ein klein wenig geliebt? Mein Klient ist unter Gottes Schutz aufgewachsen, das heißt wie ein wildes Tier. Er hat sich vielleicht danach gesehnt, seinen Vater nach der langjährigen Trennung wiederzusehen; er hat vorher, wenn er sich wie durch einen Schleier an seine Kindheit erinnerte, vielleicht schon tausendmal die häßlichen Gespenster verjagt, von denen er in seiner Kindheit geträumt hatte; vielleicht wünschte er von ganzer Seele, seinen Vater gerechtfertigt zu finden und in seine Arme zu schließen! Und was geschieht? Dieser Vater empfängt ihn nur mit zynischen Spottreden, mit Mißtrauen und mit Winkelzügen wegen des strittigen Geldes; er hört täglich ‚beim Kognak‘ nur Gespräche und Grundsätze, bei denen sich ihm das Herz im Leib umkehrt; und zuletzt sieht er, wie der Vater ihm, dem Sohn, mit dem Geld, das ihm, dem Sohn, gehört, die Geliebte abspenstig machen will — o meine Herren Geschworenen, das ist ekelhaft und entsetzlich! Und dieser selbe alte Mann beklagt sich noch bei allen über die Respektlosigkeit und Roheit seines Sohnes, macht ihn in der Gesellschaft schlecht, schadet ihm, verleumdet ihn und kauft seine Schuldscheine auf, um ihn ins Gefängnis setzen zu lassen! Meine Herren Geschworenen, diese Seelen, scheinbar harte, gewalttätige, zügellose Menschen wie mein Klient haben oft ein sehr zartfühlendes Herz, nur bringen sie das nicht zum Ausdruck. Lachen Sie nicht, lachen Sie nicht über meinen Gedanken! Der talentvolle Ankläger machte sich vorhin über meinen Klienten erbarmungslos lustig, indem er bemerkte, dieser liebe den Dichter Schiller und ‚das Schöne und Hohe‘. Ich hätte mich an seiner Stelle, an Stelle des Anklägers, darüber nicht lustig gemacht! Oh, lassen Sie mich diese Herzen verteidigen, die so selten richtig verstanden und so oft ungerecht beurteilt werden. Diese Herzen dürsten oft nach dem Zarten, Schönen, Gerechten, und zwar, wie es scheint, in schroffem Gegensatz zu sich selbst und ihrer eigenen Gewalttätigkeit und Wildheit; sie dürsten unbewußt danach, aber sie dürsten tatsächlich. Äußerlich leidenschaftlich und wild, sind sie doch fähig, bis zur Qual zu lieben, zum Beispiel eine Frau, und zwar mit einer Liebe von höchster seelischer Art. Ich bitte Sie wiederum, mich nicht auszulachen: Das kommt gerade bei solchen Naturen sehr häufig vor. Sie sind nur nicht imstande, ihre mitunter sehr urwüchsige Leidenschaft zu verbergen — und das ist es, was auffällt und bemerkt wird, während das Innere des Menschen keiner sieht. Alle ihre Leidenschaften beruhigen sich schnell, doch an der Seite eines edlen, schönen Wesens sucht dieser scheinbar rohe, harte Mensch die Erneuerung seiner selbst, er sucht die Möglichkeit, sich zu bessern, edel und ehrenhaft zu werden, ‚hoch und schön‘ — sosehr auch über diese Worte gespottet worden ist! Ich habe vorhin gesagt, ich würde mir nicht erlauben, das Liebesverhältnis zwischen meinem Klienten und Fräulein Werchowzewa zu berühren. Ein halbes Wörtchen darf ich aber doch wohl darüber sagen. Wir haben vorhin keine Aussage gehört, sondern lediglich den Aufschrei einer wütenden, rachsüchtigen Frau. Doch nicht ihr steht es zu, den Vorwurf der Untreue zu erheben, denn sie hat selbst die Treue gebrochen. Hätte sie sich auch nur ein wenig Zeit zum Überlegen genommen, so hätte sie ein solches Zeugnis nicht abgelegt! Oh, glauben Sie ihr nicht! Nein, mein Klient ist kein ‚Unmensch‘, wie sie ihn nannte! Als der gekreuzigte Menschenfreund sich schon zu seinem Leidensweg anschickte, sagte er: ‚Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte aber läßt sein Leben für die Schafe, und es wird keines verlorengehen.‘ So wollen auch wir nicht eine Menschenseele zugrunde richten! Ich fragte vorhin, was ein Vater ist, und rief aus, das sei ein hohes Wort, eine kostbare Bezeichnung. Aber mit einem Namen, meine Herren Geschworenen, muß man ehrlich umgehen, und ich nehme mir das Recht, eine Sache mit ihrem eigenen Namen, mit ihrer eigenen Benennung zu bezeichnen. Ein solcher Vater wie der verstorbene alte Karamasow kann nicht Vater genannt werden, er ist dessen nicht würdig. Liebe zu einem Vater, die der Vater nicht verdient hat, ist etwas Sinnloses, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann nicht Liebe aus nichts schaffen; aus nichts schafft nur Gott. ‚Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn!‘ schreibt der Apostel aus seinem in Liebe glühenden Herzen. Nicht um meines Klienten willen führe ich diese heiligen Worte an — ich erwähne sie für alle Väter. Wer hat mir die Befugnis gegeben, die Väter zu belehren? Niemand. Aber als Mensch und Bürger rufe ich alle Väter auf — vivos voco! Wir sind nicht lange auf der Erde, wir tun viele üble Taten und reden viele üble Worte. Aber gerade darum sollten wir einen geeigneten Augenblick, da wir zusammen sind, nutzen, um einander ein gutes Wort zu sagen. So will auch ich es tun! Solange ich an diesem Platz stehe, will ich den mir zur Verfügung stehenden Augenblick nutzen. Nicht ohne Absicht ist uns diese Tribüne durch den höchsten Willen verliehen worden — von ihr hört uns ganz Rußland. Ich rede nicht nur zu den hiesigen Vätern, ich rufe allen Vätern zu: ‚Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn!‘ Ja, laßt uns zuerst selbst das Gebot Christi erfüllen und erst dann dasselbe auch von unseren Kindern verlangen! Sonst sind wir nicht Väter, sondern Feinde unserer Kinder, und sie sind nicht unsere Kinder, sondern unsere Feinde, und wir selbst haben sie zu unseren Feinden gemacht! ‚Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden!‘ Das sage nicht ich, das schreibt das Evangelium vor. Wir sollen mit dem Maß messen, mit dem auch uns gemessen wird. Wie kann man den Kindern einen Vorwurf machen, wenn sie uns mit unserem Maß messen? Vor kurzem kam in Finnland ein Mädchen, eine Dienstmagd, in den Verdacht, heimlich ein Kind geboren zu haben. Man ging der Sache nach und fand auf dem Dachboden in einer Ecke unter den Ziegeln ihren Koffer, von dem niemand etwas gewußt hatte; man öffnete ihn und zog den Leichnam eines neugeborenen Kindes heraus, das sie getötet hatte. In demselben Koffer fand man auch die Skelette zweier anderer Kinder, die sie schon früher geboren und ebenfalls gleich bei der Geburt getötet hatte, was sie auch gestand. Meine Herren Geschworenen, war das eine Mutter ihrer Kinder? Ja, sie hat sie geboren — aber ist sie auch ihre Mutter? Wagt jemand von uns, auf sie den heiligen Namen Mutter anzuwenden? Lassen Sie uns mutig sein, meine Herren Geschworenen, lassen Sie uns sogar dreist sein; es ist unsere Pflicht, uns im gegenwärtigen Augenblick nicht vor gewissen Worten und Gedanken zu fürchten, wie bei unserem großen Dramatiker Ostrowski, jene Moskauer Kaufmannsfrauen, die sich vor den Worten ‚Metall‘ und ‚Schwefel‘ fürchten. Nein, beweisen wir vielmehr, daß der Fortschritt der letzten Jahre auch auf unsere geistige Entwicklung fördernd eingewirkt hat, und sagen wir es geradeheraus: Wer ein Kind gezeugt hat, ist noch nicht dessen Vater! Vater ist, wer ein Kind gezeugt hat und sich darum verdient gemacht hat! Oh, es gibt freilich auch eine andere Bedeutung, eine andere Erklärung des Wortes Vater, die verlangt, daß mein Vater, auch wenn er ein Unmensch ist und seinen Kindern Böses angetan hat, dennoch mein Vater bleibt — nur deswegen, weil er mich gezeugt hat. Doch diese Bedeutung ist sozusagen schon mystisch; ich begreife sie nicht mit dem Verstand, sondern nehme sie nur durch den Glauben hin, oder richtiger gesagt, auf Treu und Glauben, so wie vieles andere, was ich zwar nicht begreife, was mir aber dennoch die Religion zu glauben befiehlt. Doch das mag dann außerhalb des praktischen Lebensbereichs bleiben. Innerhalb des praktischen Lebensbereichs dagegen, der nicht nur seine Rechte hat, sondern uns auch große Verpflichtungen auferlegt, innerhalb dieses Bereichs ist es, sofern wir humane Menschen und Christen sein wollen, unsere Pflicht und Schuldigkeit, nur solchen Anschauungen zu huldigen, die durch Vernunft und Erfahrung bestätigt und durch den Schmelzofen der Kritik hindurchgegangen sind — kurz, vernünftig wie im Schlaf oder im Fieberwahn, damit wir keinem Mitmenschen Schaden zufügen und keinen Mitmenschen quälen und zugrunde richten. Sehen Sie, dann wird das auch eine echt christliche Handlungsweise sein, keine mystische, sondern eine vernünftige und wahrhaft menschenfreundliche Handlungsweise …«
An dieser Stelle wollte aus vielen Enden des Saales Beifall losbrechen, doch Fetjukowitsch machte eine abwehrende Handbewegung, als wollte er inständig bitten, ihn nicht zu unterbrechen, sondern ihn zu Ende reden zu lassen. Alle verstummten sogleich. Der Redner fuhr fort:
»Glauben Sie etwa, meine Herren Geschworenen, daß solche Fragen unseren Kindern fremd bleiben können, sagen wir, im Jünglingsalter, wenn sie nachzudenken beginnen? Nein, das ist ausgeschlossen, und wir wollen keine unmögliche Zurückhaltung von ihnen verlangen! Der Anblick eines unwürdigen Vaters, besonders im Vergleich mit den würdigen Vätern anderer, gleichaltriger Kinder, drängt einem jungen Menschen unwillkürlich peinliche Fragen auf. Man antwortet ihm herkömmlich auf diese Fragen: ‚Er hat dich gezeugt, und du bist sein Blut. Darum mußt du ihn lieben.‘ Der Sohn wird unwillkürlich nachdenklich. ‚Aber hat er mich etwa geliebt, als er mich zeugte?‘ fragt er in immer größerer Verwunderung. ‚Hat er mich etwa um meinetwillen gezeugt? Er kannte ja weder mich noch mein Geschlecht in jenem Augenblick einer vielleicht durch Weingenuß entzündeten Leidenschaft, und er hat höchstens die Neigung zum Trinken auf mich vererbt — das sind alle seine Wohltaten. Warum soll ich ihn nur dafür lieben, daß er mich gezeugt, während des ganzen weiteren Lebens jedoch nicht geliebt hat?‘ Oh, Ihnen erscheinen diese Fragen vielleicht grob und roh; verlangen Sie aber von einem jugendlichen Geist keine unmögliche Zurückhaltung! ‚Wenn man die Natur zur Tür hinausjagt, wird sie durchs Fenster wieder hereinfliegen.‘ Und vor allen Dingen wollen wir uns nicht vor dem ‚Metall‘ und dem ‚Schwefel‘ fürchten und wollen die Frage so entscheiden, wie es Vernunft und Menschenliebe, nicht wie es mystische Begriffe vorschreiben. Wie sollen wir sie denn nun entscheiden? Das will ich Ihnen sagen: Mag der Sohn vor seinen Vater hintreten und ihn ruhig und bedachtsam fragen: ‚Vater, sag mir, warum bin ich verpflichtet, dich zu lieben? Vater, beweise mir, daß ich verpflichtet bin, dich zu lieben!‘ Und wenn dann dieser Vater imstande ist, ihm zu antworten und es ihm zu beweisen, so ist das eine richtige, normale Familie, die sich nicht auf eine veraltete mystische Anschauung stützt, sondern auf vernünftigen, bewußten, streng humanen Grundlagen ruht. Im entgegengesetzten Fall, wenn der Vater es nicht beweisen kann, ist es mit dieser Familie zu Ende! Er ist nicht der Vater des Sohnes, und der Sohn erhält die Freiheit und das Recht, seinen Vater in Zukunft für einen ihm fremden Menschen, ja für seinen Feind zu halten! Unsere Tribüne, meine Herren Geschworenen, muß eine Schule der Wahrheit und der gesunden Vernunft sein!«
Hier wurde der Redner durch unbändiges, beinahe frenetisches Beifallklatschen unterbrochen. Natürlich applaudierte nicht der ganze Saal, aber doch etwa die Hälfte. Die Väter und die Mütter applaudierten. Von oben, wo die Damen saßen, hörte man helle Beifallsrufe. Taschentücher wurden geschwenkt. Der Präsident schwang aus Leibeskräften seine Glocke. Er war sichtlich gereizt durch das Benehmen des Publikums; doch den Saal räumen zu lassen, wie er kurz zuvor angedroht hatte, das wagte er nicht. Zu denen, die dem Redner applaudierten und Taschentücher schwenkten, gehörten nämlich auch vornehme Persönlichkeiten, die hinten auf gesonderten Stühlen saßen, alte Herren mit Ordenssternen auf dem Frack. Also begnügte sich der Präsident, als sich der Lärm gelegt hatte, mit einer abermaligen strengen Drohung, den Saal räumen zu lassen. Und Fetjukowitsch, triumphierend und erregt, setzte seine Rede fort.
»Meine Herren Geschworenen, Sie erinnern sich an jene furchtbare Nacht, von der heute so viel gesprochen worden ist: als der Sohn den Zaun überstiegen hatte, in das Haus seines Vaters eingedrungen war und nun endlich Auge in Auge dem gegenüberstand, der sein Feind war und ihm Unrecht zugefügt hatte, ihm, seinem Erzeuger. Mit allem Nachdruck bleibe ich bei der Behauptung, daß er nicht des Geldes wegen gekommen war; die Anschuldigung wegen Raubes ist eine Torheit, wie ich schon vorhin dargelegt habe. Auch nicht um zu morden, war er bei ihm eingedrungen, o nein! Hätte er das vorsätzlich geplant gehabt, so hätte er sich zumindest vorher eine Waffe besorgt; den Messingstößel hatte er sich nur instinktiv gegriffen, ohne selber zu wissen wozu. Mag er den Vater durch das Signal getäuscht haben, mag er bei ihm eingedrungen sein — ich sagte schon, daß ich keine Sekunde an diese Fabel glaube —, aber mag es meinetwegen so gewesen sein, nehmen wir das für einen Augenblick als wahr an! Meine Herren Geschworenen, ich schwöre Ihnen bei allem, was heilig ist: Wäre das nicht sein Vater gewesen, sondern ein fremder Beleidiger, so wäre er, nachdem er durch die Zimmer gelaufen war und festgestellt hatte, daß diese Frau nicht da war, Hals über Kopf wieder weggelaufen, ohne seinem Nebenbuhler Schaden zugefügt zu haben; er hätte ihm vielleicht einen Schlag oder einen Stoß versetzt, weiter aber auch nichts, denn darauf war sein Sinn nicht gerichtet, dazu hatte er keine Zeit: Er mußte in Erfahrung bringen, wo sie war. Doch der Vater — oh, alles bewirkte nur der Anblick des Vaters, der ihn von seiner Kindheit an gehaßt, sich als sein Feind erwiesen, ihn benachteiligt hatte und jetzt sein gräßlicher Nebenbuhler war! Ein Gefühl des Hasses ergriff ihn unwillkürlich und unwiderstehlich, zum Überlegen war keine Zeit: alles wurde augenblicklich in ihm lebendig! Das war ein Affekt von Irrsinn und Geistesstörung, aber auch ein Affekt der Natur, welche die Verletzung ihrer ewigen Rechte stets unaufhaltbar und unbewußt zu rächen pflegt. Doch der Mörder hat auch da nicht gemordet — das behaupte ich mit lauter Stimme! Nein, er hat nur voller Ekel und Empörung eine ausholende Bewegung mit dem Stößel gemacht, ohne die Absicht, einen Mord zu begehen, und ohne zu wissen, daß er einen Mord beging. Hätte er diesen verhängnisvollen Stößel nicht in der Hand gehabt, so hätte er den Vater zwar vielleicht geprügelt, aber nicht erschlagen. Als er weglief, wußte er nicht, ob der alte Mann, den er zu Boden geschlagen hatte, tot war. Ein solcher Mord ist auch kein Vatermord. Nein, die Ermordung eines solchen Vaters kann man nicht Vatermord nennen. Ein solcher Mord kann nur auf Grund einer veralteten Ansicht als Vatermord gelten. Aber hat denn mein Klient diesen Mord überhaupt begangen? Das frage ich Sie immer wieder aus tiefster Seele. Meine Herren Geschworenen, wenn wir ihn jetzt verurteilen, so wird er sagen: ‚Diese Menschen haben für mein Schicksal, für meine Erziehung, für meine Bildung nichts getan. Nichts, um mich zu bessern, um mich zu einem Menschen zu machen. Diese Menschen haben mich nicht gespeist und mich nicht getränkt und mich, den Nackten, im Gefängnis nicht, besucht. Statt dessen haben sie mich zur Zwangsarbeit geschickt. Ich bin mit ihnen quitt, bin ihnen nichts mehr schuldig, bin überhaupt bis in alle Ewigkeit niemand mehr etwas schuldig. Sie sind böse, und ich werde auch böse sein! Sie sind grausam, und ich werde auch grausam sein!‘ Das ist es, was er sagen wird, meine Herren Geschworenen! Und ich schwöre Ihnen, durch Ihren Schuldspruch werden Sie ihm seine Last nur erleichtern! Sie werden ihm sein Gewissen erleichtern; er wird das von ihm vergossene Blut verfluchen, aber er wird nicht bedauern, es vergossen zu haben! Und gleichzeitig werden Sie in ihm den noch potentiell vorhandenen Menschen vernichten, denn er wird böse und blind bleiben sein Leben lang. Wollen Sie ihn jedoch schwer und hart bestrafen, mit der schrecklichsten Strafe, die man sich denken kann, aber so, daß Sie seine Seele retten und für alle Zeit erneuern? Wenn Sie das wollen, dann erdrücken Sie ihn durch Ihr Mitleid! Sie werden sehen, Sie werden hören, wie seine Seele zusammenfahren und erschrecken wird. ‚Daß mir diese Gnade erwiesen wird, daß mir so viel Liebe zuteil wird! Bin ich denn dessen würdig?‘ wird er ausrufen. Oh, ich kenne dieses Herz, dieses wilde, aber edle Herz, meine Herren Geschworenen! Es wird sich dankbar vor Ihrer schönen Tat neigen, es wird nach einer großen Tat der Liebe dürsten, es wird entbrennen und wiederauferstehen für immer. Es gibt Seelen, die in ihrer Beschränktheit die ganze Welt beschuldigen. Aber erdrücken Sie diese Seele durch Ihr Mitleid, erweisen Sie ihr Liebe, und sie wird ihre Tat verfluchen, denn es sind viele gute Keime in ihr. Die Seele wird sich weiten und erkennen, wie barmherzig Gott ist und wie gut und gerecht die Menschen sind. Die Reue und die unermeßliche Dankesschuld, die von nun an auf ihm lastet, wird ihn erschrecken und niederdrücken. Und er wird dann nicht sagen können: ‚Ich bin quitt mit ihnen‘, sondern: ‚Ich bin vor allen Menschen schuldig und aller Menschen unwürdig!‘ Unter Tränen der Reue und brennender qualvoller Rührung wird er ausrufen: ‚Die Menschen sind besser als ich! Sie wollen mich nicht zugrunde richten, sondern retten!‘ Oh, es ist für Sie so leicht, diese Handlung der Barmherzigkeit auszuüben, denn angesichts des Fehlens aller auch nur einigermaßen triftigen Beweise wird es Ihnen sehr schwerfallen zu verkünden: ‚Jawohl — schuldig!‘ Es ist besser, zehn Schuldige ungestraft zu lassen, als einen Unschuldigen zu bestrafen — hören Sie nicht diese erhabene Stimme aus dem vorigen Jahrhundert unserer ruhmvollen Geschichte? Mir unbedeutendem Menschen steht es nicht zu, Sie daran zu erinnern, daß sich die russische Justiz nicht darauf beschränkt zu strafen, sondern auch den verlorenen Menschen zu retten sucht! Mögen bei anderen Völkern Paragraphen und Strafen herrschen — bei uns herrsche Geist und Sinn, und das Ziel sei die Rettung und Wiedergeburt der Verlorenen! Und wenn dem so ist, wenn Rußland und seine Justiz wirklich so beschaffen sind, dann steht Rußland an der Spitze, und keiner schrecke uns mit jener rasenden Troika, vor der alle Völker voll Abscheu zur Seite treten! Nicht wie eine rasende Troika, sondern wie ein majestätischer Triumphwagen wird Rußland feierlich und ruhig ans Ziel gelangen! In Ihren Händen liegt das Schicksal meines Klienten — in Ihren Händen liegt aber auch das Schicksal unserer russischen Gerechtigkeit. Sie werden sie retten. Sie werden sie verteidigen, Sie werden beweisen, daß es Männer gibt, sie zu behüten, und daß sie in guten Händen liegt!«