Eine voluntaristische (s. d.) »Apperzeptionspsychologie« (s. d.) lehrt WUNDT, für den die Psychologie die der Naturwissenschaft koordinierte Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung ist. »Das unmittelbar Wahrgenommene, wie es abgesehen von seiner Beziehung auf ein gegenüberstehendes Objekt uns gegeben ist, bildet den Inhalt der Psychologie« (Syst. d. Philos.2, S. 277). Die Psychologie »untersucht den gesamten Inhalt der Erfahrung in seinen Beziehungen zum Subjekt und in den ihm von diesem unmittelbar beigelegten Eigenschaften«. Sie nimmt den Standpunkt der »unmittelbaren Erfahrung« ein (Gr. d. Psychol.5, S. 3, vgl. S. 5). Die Erkenntnisweise der Psychologie ist eine »unmittelbare oder anschauliche«, das »Konkret-Wirkliche« erfassende. Da die Psychologie sich der »Abstraktionen und hypothetischen Hülfsbegriffe der Naturwissenschaft« enthält, so ist sie die »strenger empirische Wissenschaft« (l. c. S. 6). Ist sie doch die »Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung«. diese anerkennt nicht eine reale Verschiedenheit innerer und äußerer Erfahrung, sieht den Unterschied »nur in der Verschiedenheit der Gesichtspunkte« (l. c. S. 10). Die Psychologie führt die psychischen Vorgänge auf Begriffe zurück, die dem Zusammenhang dieser Vorgänge direct entnommen sind, oder sie leitet zusammengesetzte Vorgänge aus einfacheren ab (Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 639). Die Teilinhalte, welche die psychologische Analyse isoliert, verlieren ihre Realität nicht, wenn sie auch in Wirklichkeit nur als Verbindungselemente, nicht selbständig vorkommen (Log. II2, 2, 60 f., 166 ff.). Die Herstellung des seelischen Zusammenhanges ist übrigens die Hauptaufgabe der Psychologie (l. c. II2, 2, 197 f. Philos. Stud. X, 120. XII, 28). Ziel der psychologischen Analyse ist die Auffindung aller einfachen Qualitäten sowie deren Darstellung in der Form einer geordneten Mannigfaltigkeit (Log. II2, 2, 200. Philos. Stud. II, 299 ff.). Die Physiologie ist nur eine Hülfswissenschaft der Psychologie (Gr. d. Psychol.5, S. 13). Die »physiologische Psychologie« ist eine »Übergangsdisciplin«, die wesentlich mit der experimentellen Psychologie (s. Psychologische Methoden) eins ist (l. c. S. 31). Die allgemeine Psychologie gliedert sich in: 1) (experimentelle) Individualpsychologie (nebst Tier-, Kinderpsychologie, Charakterologie, e. d.), welche die typischen Vorgänge des individuellen Bewußtseins untersucht. 2) Völkerpsychologie (s. d.) (l. c. S. 11, 29 f.. Philos. Stud. XII, 21). Die Psychologie hat drei Sonderaufgaben. »Die erste besteht in der Analyse der zusammengesetzten Vorgänge, die zweite in der Nachweisung der Verbindungen, welche die durch diese Analyse aufgefundenen Elemente miteinander eingehen, die dritte in der Erforschung der Gesetze, die bei der Entstehung solcher Verbindungen wirksam sind« (Gr. d. Psychol.5, S. 32). Zu den. anderen Wissenschaften hat die Psychologie eine dreifache Stellung: 1) »Als Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung ist sie gegenüber den Naturwissenschaften, die infolge der bei ihnen obwaltenden Abstraktion von dem Subjekt überall nur den objektiven, mittelbaren Erfahrungsinhalt zum Gegenstande. haben, die ergänzende Erfahrungswissenschaft.« 2) »Als Wissenschaft von den allgemeingültigen Formen unmittelbarer menschlicher Erfahrung und ihrer gesetzmäßigen Verknüpfung ist sie die Grundlage der Geisteswissenschaften.« 3) »Da die Psychologie die beiden en fundamentalen Bedingungen, die dem theoretischen Erkennen wie dem praktischen Handeln zugrunde liegen, die subjektiven und die objektiven, gleichmäßig berücksichtigt und in ihrem Wechselverhältnis zu bestimmen sucht, so ist sie unter allen empirischen Disziplinen diejenige, deren Ergebnisse zunächst der Untersuchung der allgemeinen Probleme der Erkenntnistheorie wie der Ethik, der beiden grundlegenden Gebiete der Philosophie, zustatten kommen« So ist sie »gegenüber der Philosophie die vorbereitende empirische Wissenschaft« (l. c. S. 19 f.). Ähnlich G. VILLA (Einleit. in d. Psychol.), HELLPACH (Grenzwiss. d. Psychol.) u. a.
Voluntaristisch (s. d.) ist auch die Psychologie von A. FOUILLÉE (Psychol. des idées-forces). - Einen gemäßigten Standpunkt vertreten die Psychologien von JANET (Princ, de met. et psychol. I, 132 ff.), RABIER (Psychol. p. 21 ff.), P. CARUS (The Soul of Man 1891). Nach J. DEWEY ist die Psychologie »the science of the reproduction of some universal content or existence, whether of knowledge or action, in the form of individual... consciousness« (Psychol. p. 6). Nach J. WARD hat die Psychologie den »individual mind« zum Objekt (Encycl. Britan. XX, 38). Nach STOUT ist die Psychologie »the positive science of mental process« (Anal. Psychol. I, 1). Nach SULLY ist sie »die Wissenschaft welche auf eine genaue und systematische Beschreibung der verschiedenen Vorgänge oder funktionellen Betätigungen unseres Geistes abzielt« (Handb. d. Psychol. S. 12). Sie ist von der Naturwissenschaft durch den Stoff geschieden (l. c. S. 12 f.. vgl. Hum. Mind C. 1 f.. Outlin. of Psychol. C. 1). Nach BALDWIN ist die Psychologie »the science of the phenomena of consciousness« (Handb. of Psychol. I2, C. 1, p. 8). Vgl. CH. A. MERCIER, Psychology normal and morbid 1901, ferner die (genetischen) Arbeiten von ROMANES, BALDWIN, GALTON, CH. DARWIN (Ausdruck der Gemütsbeweg.), HUXLEY u. a. Vgl. ferner die Schriften von MORELL (Elem. of Psychol.), MURPHY, HACK-TUKE (Geist u. Körper 1888), TAINE, GARNIER (Trait. des facult.), LELUT (Physiol. da la pensée., 1862), BOUILLIÉE, WADDINGTON, DURAND DE GROS, PAULHAN, DUMONT, CH. FÉRÉ, DELBOEUF, FLOURNOY (Met. et Psychol. 1890), TH. REIN, A. LEHMANN, C. LANGE, KROMAN, VIGNOLA, MORSELLI, MASCI, BONATELLI, FERRI, LOMBROSO, N. J. GROT, BÊLKIN, OCHOROWICZ u. a. Vgl. KLENKE, Syst. d. organ. Psychol. 1842. REICHLIN- MELDEGG, Psychol. d. Mensch. 1837/38. HAGEN, Psychol. Unters. 1847. JESSEN, Vers. einer wissensch. Begründ. d. Psychol. 1855. RÖSE, Die Psychol. 1856. LEWISCH, Psychol. 1865. J. MOHR, Grundlage d. empir. Psychol. 1882. STRÜMPELL, Grundr. d. Psychol. 1884. BALLAUF, Grundlehr. d. Psychol. 1890, u. a. (KIRCHNER, HARTSEN, STOY, OSTERMANN, HESS, DITTES u. a.). vgl. auch FR. SCHULTZE, Vergleich. Psychol.
Von psychologischen Zeitschriften sind zu nennen: »Philosophische Studien«, herausgegeben von Wundt, 1883 ff.. »Zeitschr. für Psychol. u. Physiol. der Sinnesorgane« 1890 ff.. »L'année psychologique« (vgl. auch »Revue philosophique« 1878 ff.). »American journal of psychology« 1887 ff.. »Psychological Review« 1894 ff., »Mind« u. a. Psychologische Laboratorien in Leipzig, Göttingen, Heidelberg, Freiburg i. B., Berlin, München, Graz, Paris, Amerika u. a.
Zur Geschichte der Psychologie vgl.: F. A. CARUS, Gesch. d. Psychol. 1808. A. STÖCKL, Die speculat. Lehre vom Mensch. u. ihre Geschichte 1858. F. HARMS, Psychol. 1877. H. SIEBECK, Gesch. d. Psychol. I, 1 u. 2, 1880/84. B. SOMMER, Gesch. d. deutsch. Psychol 1892. DESSOIR, Gesch. d. neuern deutschen Psychol. I2, 1902. E. v. HARTMANN, Die moderne Psychologie, 1901. - Vgl. Seele, Seelenvermögen, Bewußtsein, Psychisch, Psychologische Methoden, Psychologismus, Wahrnehmung (innere), Voluntarismus, Intellektualismus, Assoziation, Apperzeption, Empfindung, Gefühl, Affekt, Leidenschaft, Vorstellung, Wille, Phantasie, Reproduktion, Gedächtnis, Sinne, Trieb, Instinkt, Evolution, Soziologie u.s.w.