XII.3. Hebräer

 

Mit dem Laut der Zeiten wurde es zwar anders, aber nicht besser. Als, von Cyrus befreit, die Juden aus der Gefangenschaft in geringer Anzahl zurückkamen, hatten sie manches andere, nur keine echte politische Verfassung gelernt; wie hätten sie solche auch in Assyrien und Chaldäa lernen mögen? Sie schwankten zwischen dem Fürsten- und Priesterregiment, bauten einen Tempel, als ob sie mit solchem auch Moses' und Salomos Zeit zurück hätten; ihre Religiosität wurde jetzt Pharisäismus, ihre Gelehrsamkeit ein grübelnder Silbenwitz, der nur an einem Buche nagte, ihr Patriotismus eine knechtische Anhänglichkeit ans mißverstandne alte Gesetz, so daß sie allen benachbarten Nationen damit verächtlich oder lächerlich wurden. Ihr einziger Trost und ihre Hoffnung war auf alte Weissagungen gebaut, die, ebenso mißverstanden, ihnen die eitelste Weltherrschaft zusichern sollten. So lebten und litten sie Jahrhunderte hin unter den griechischen Syrern, unter Idumäern und Römern, bis endlich durch eine Erbitterung, die in der Geschichte kaum ihresgleichen findet, sowohl das Land als die Hauptstadt unterging, auf eine Weise, die den menschenfreundlichen Überwinder selbst schmerzte. Nun wurden sie in alle Länder der römischen Welt zerstreut; und eben zur Zeit dieser Zerstreuung fing sich eine Wirkung der Juden aufs menschliche Geschlecht an, die man von ihrem engen Lande hinaus sich schwerlich hätte denken mögen; denn weder als ein staatsweises noch als ein kriegsgelehrtes, am wenigsten aber als ein Wissenschaft und Kunst erfindendes Volk hatten sie sich im ganzen Lauf ihrer Geschichte ausgezeichnet.

Kurz nämlich vor dem Untergange des jüdischen Staats war in seiner Mitte das Christentum entstanden, das sich anfangs nicht nur nicht vom Judentum trennte und also seine heiligen Bücher mit annahm, sondern auch vorzüglich auf diese die göttliche Sendung seines Messias baute. Durchs Christentum kamen also die Bücher der Juden in die Hände aller Nationen, die sich zu seiner Lehre bekannten; mithin haben sie auch, nachdem man sie verstand und gebrauchte, gut oder übel auf alle christliche Zeitalter gewirkt. Gut war ihre Wirkung, da Moses' Gesetz in ihnen die Lehre vom einigen Gott, dem Schöpfer der Welt, zum Grunde aller Philosophie und Religion machte und von diesem Gott in soviel Liedern und Lehren dieser Schriften mit einer Würde und Erhabenheit, mit einer Ergebung und Dankbarkeit sprach, an welche weniges sonst in menschlichen Schriften reicht. Man vergleiche diese Bücher nicht etwa mit dem Schuking der Sinesen oder mit dem Sadder und Zend-Avesta der Perser, sondern selbst mit dem soviel jungem Koran der Mahomedaner, der doch selbst die Lehren der Juden und Christen genutzt hat, so ist der Vorzug der hebräischen Schriften vor allen alten Religionsbüchern der Völker unverkennbar. Auch war es der menschlichen Wißbegierde angenehm, über das Alter und die Schöpfung der Welt, über den Ursprung des Bösen u. f. aus diesen Büchern so populäre Antworten zu erhalten, die jeder verstehen und fassen konnte; die ganze lehrreiche Geschichte des Volks und die reine Sittenlehre mehrerer Bücher in dieser Sammlung zu geschweigen. Die Zeitrechnung der Juden möge sein, wie sie wolle, so hatte man an ihr ein angenommenes, allgemeines Maß und einen Faden, woran man die Begebenheiten der Weltgeschichte reihen konnte. Viel andere Vorteile des Sprachfleißes, der Auslegungskunst und Dialektik ungerechnet, die freilich auch an andern Schriften hätten geübt werden mögen. Durch alles dies haben die Schriften der Hebräer ohnstreitig vorteilhaft in die Geschichte der Menschheit gewirkt.

Indessen ist's bei allen diesen Vorteilen ebenso unverkennbar, daß die Mißdeutung und der Mißbrauch dieser Schriften dem menschlichen Verstande auch zu mancherlei Nachteil gereicht habe, um so mehr, weil sie mit dem Ansehen der Göttlichkeit auf ihn wirkten. Wie manche törichte Kosmogonie ist aus Moses' einfach- erhabner Schöpfungsgeschichte, wie manche harte Lehre und unbefriedigende Hypothese aus seinem Apfel- und Schlangenbiß hervorgesponnen worden! Jahrhundertelang sind die vierzig Tage der Sündflut den Naturforschern der Nagel gewesen, an welchen sie alle Erscheinungen unserer Erdbildung heften zu müssen glaubten, und ebensolange haben die Geschichtschreiber des Menschengeschlechts sämtliche Völker der Erde an das Volk Gottes und an das mißverstandene Traumbild eines Propheten von vier Monarchien gefesselt. So manche Geschichte hat man verstümmelt, um sie aus einem hebräischen Namen zu erklären; das ganze Menschen-, Erd- und Sonnensystem wurde verengt, um nur die Sonne des Josua und eine Jahrzahl der Weltdauer zu retten, deren Bestimmung nie der Zweck dieser Schriften sein wollte. Wie manchem großen Mann, selbst einem Newton, hat die jüdische Chronologie und Apokalypse eine Zeit geraubt, die er auf bessere Untersuchungen hätte wenden mögen! Ja, selbst in Absicht der Sittenlehre und politischen Einrichtung hat die Schrift der Ebräer durch Mißverstand und üble Anwendung dem Geist der Nationen, die sich zu ihr bekannten, wirkliche Fesseln angelegt. Indem man die Zeiten und Stufen der Bildung nicht unterschied, glaubte man an der Unduldsamkeit des jüdischen Religionsgeistes ein Muster vor sich zu haben, nach welchem auch Christen verfahren könnten; man stützte sich auf Stellen des Alten Testaments, um den widersprechenden Entwurf zu rechtfertigen, der das freiwillige, bloß moralische Christentum zu einer jüdischen Staatsreligion machen sollte. Gleichergestalt ist's unleugbar, daß die Tempelgebräuche, ja selbst die Kirchensprache der Ebräer auf den Gottesdienst, auf die geistliche Beredsamkeit, Lieder und Litaneien aller christlichen Nationen Einfluß gehabt und ihre Anbetung oft zu einem morgenländischen Idiotismus gebildet haben. Die Gesetze Moses' sollten unter jedem Himmelsstrich, auch bei ganz andern Verfassungen der Völker gelten; daher keine einzige christliche Nation sich ihre Gesetzgebung und Staatsverfassung von Grund aus gebildet. So grenzt das erlesenste Gute durch eine vielfach falsche Anwendung an mancherlei Übel; denn können nicht auch die heiligen Elemente der Natur zur Zerstörung und die wirksamsten Arzneien zu einem schleichenden Gift werden?

Die Nation der Juden selbst ist seit ihrer Zerstreuung den Völkern der Erde durch ihre Gegenwart nützlich und schädlich worden, nachdem man sie gebraucht hat. In den ersten Zeiten sähe man Christen für Juden an und verachtete oder unterdrückte sie gemeinschaftlich, weil auch die Christen viel Vorwürfe des jüdischen Völkerhasses, Stolzes und Aberglaubens auf sich luden. Späterhin, da Christen die Juden selbst unterdrückten, gaben sie ihnen Anlaß, sich durch ihre Bewerbsamkeit und weite Verbreitung fast allenthalben des innern, insonderheit des Geldhandels zu bemächtigen; daher denn die rohem Nationen Europas freiwillige Sklaven ihres Wuchers wurden. Den Wechselhandel haben sie zwar nicht erfunden, aber sehr bald vervollkomnet, weil eben ihre Unsicherheit in den Ländern der Mahomedaner und Christen ihnen diese Erfindung nötig machte. Unleugbar also hat eine so verbreitete Republik kluger Wucherer manche Nation Europas von eigner Betriebsamkeit und Nutzung des Handels lange zurückgehalten, weil diese sich für ein jüdisches Gewerbe zu groß dünkte und von den Kammerknechten der heiligen römischen Welt diese Art vernünftiger und feiner Industrie ebensowenig lernen wollte als die Spartaner den Ackerbau von ihren Heloten. Sammelte jemand eine Geschichte der Juden aus allen Ländern, in die sie zerstreut sind, so zeigte sich damit ein Schaustück der Menschheit, das als ein Natur- und politisches Ereignis gleich merkwürdig wäre. Denn kein Volk der Erde hat sich wie dieses verbreitet; kein Volk der Erde hat sich wie dieses in allen Klimaten so kenntlich und rüstig erhalten.

Daß man hieraus aber ja keinen abergläubigen Schluß auf eine Revolution fasse, die durch dies Volk dereinst noch für alle Erdvölker bewirkt werden müßte! Die bewirkt werden sollte, ist wahrscheinlich bewirkt, und zu einer andern zeigt sich weder im Volk selbst noch in der Analogie der Geschichte die mindeste Anlage. Die Erhaltung der Juden erklärt sich ebenso natürlich als die Erhaltung der Brahmanen, Parsen und Zigeuner.

Übrigens wird niemand einem Volk, das eine so wirksame Triebfeder in den Händen des Schicksals wurde, seine großen Anlagen absprechen wollen, die in seiner ganzen Geschichte sich deutlich zeigen. Sinnreich, verschlagen und arbeitsam, wußte es sich jederzeit auch unter dem äußersten Druck anderer Völker wie in einer Wüste Arabiens mehr als vierzig Jahr zu erhalten. Es fehlte ihm auch nicht an kriegerischem Mut, wie die Zeiten Davids und der Makkabäer, vorzüglich aber der letzte, schreckliche Untergang seines Staats zeigen. In ihrem Lande waren sie einst ein arbeitsames, fleißiges Volk, das, wie die Japaner, seine nackten Berge durch künstliche Terrassen bis auf den Gipfel zu bauen wußte und in einem engen Bezirk, der an Fruchtbarkeit doch immer nicht das erste Land der Welt war, eine unglaubliche Anzahl Menschen nährte. Zwar ist in Kunstsachen die jüdische Nation, ob sie gleich zwischen Ägyptern und Phöniciern wohnte, immer unerfahren geblieben, da selbst ihren Salomonischen Tempel fremde Arbeiter bauen mußten. Auch sind sie, ob sie gleich eine Zeitlang die Häfen des Roten Meers besaßen und den Küsten der Mittelländischen See so nahe wohnten, in dieser zum Handel der Welt glücklichsten Lage, bei einer Volksmenge, die ihrem Lande zu schwer wurde, dennoch nie ein seefahrendes Volk worden. Wie die Ägypter fürchteten sie das Meer und wohnten von jeher lieber unter andern Nationen: ein Zug ihres Nationalcharakters, gegen den schon Moses mit Macht kämpfte. Kurz, es ist ein Volk, das in der Erziehung verdarb, weil es nie zur Reife einer politischen Kultur auf eignem Boden, mithin auch nicht zum wahren Gefühl der Ehre und Freiheit gelangte. In den Wissenschaften, die ihre vortrefflichsten Köpfe trieben, hat sich jederzeit mehr eine gesetzliche Anhänglichkeit und Ordnung als eine fruchtbare Freiheit des Geistes gezeigt, und der Tugenden eines Patrioten hat sie ihr Zustand fast von jeher beraubet. Das Volk Gottes, dem einst der Himmel selbst sein Vaterland schenkte, ist Jahrtausende her, ja fast seit seiner Entstehung eine parasitische Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen, ein Geschlecht schlauer Unterhändler beinah auf der ganzen Erde, das trotz aller Unterdrückung nirgend sich nach eigener Ehre und Wohnung, nirgend nach einem Vaterlande sehnt.

 


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